14 Tage im Reich der Mitte: Mein persönliches Resümee einer unvergesslichen Kinaesthetics-Reise nach China
Hinter mir liegen zwei Wochen, die sich kaum in Worte fassen lassen. Was als beruflicher Auftrag begann – nämlich Kinaesthetics China dabei zu unterstützen, das wertvolle Wissen über Bewegungskompetenz im asiatischen Raum weiterzuverbreiten –, wurde zu einer zutiefst persönlichen Reise voller Kontraste, Aha-Erlebnisse und emotionaler Begegnungen. Jetzt, wo sich der Kreis schließt, möchte ich die intensivsten Momente noch einmal mit euch teilen.
Station 1: Shanghai & Hangzhou – Wo Worte enden und Bewegung beginnt
Nach der Landung im Hightech-Flughafen von Shanghai ging es im rasanten 300-km/h-Tempo mit dem Hochgeschwindigkeitszug direkt nach Hangzhou. Dort warteten die ersten großen Praxisbesuche auf uns.
In einer staatlichen Rehaklinik mit gewaltigen 1.200 Betten durfte ich Herrn X kennenlernen, einen betagten Mann mit einer Halbseitenlähmung. Ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen, bauten wir über feine Berührungsimpulse einen nonverbalen Dialog auf. Als er nach langer Zeit wieder spürte, wie er selbstständig sein gelähmtes Bein anheben konnte, strahlte er übers ganze Gesicht. Seine Tochter weinte vor Glück. Er erlebte reine Selbstwirksamkeit.
Wenig später traf ich auf den demenzbetroffenen Herrn Xing. Während die Pflegekräfte ihn beim Aufstehen stützen und tragen wollten, bremste ich sie sanft aus. Mit der richtigen Gewichtsverlagerung fand er den Weg in den Stand völlig alleine. Statt kilometerweit im Stehen zu laufen, machten wir ein hocheffektives „Gehtraining im Sitzen“ auf der Bettkante und trainierten seine Bewegungsvariabilität.
Danach folgte der Besuch einer hochmodernen, voll digitalisierten 2.000-Betten-Institution, die in der Demenzarbeit stark auf Maria Montessori setzt. Ein toller Ansatz, doch der schmerzhafte Kontrast folgte auf den Wohnstationen: Erschreckend viele Menschen wurden über Nasensonden ernährt. Es wurde mir klar:
Die Pflege hier ist oft noch darauf ausgerichtet, dem Leben der Menschen mehr Tage zu geben – anstatt den Tagen mehr Leben zu ermöglichen.
Doch auch hier bewirkten wir kleine Wunder: Die schwer pflegeverweigernde Frau Oxa setzte sich durch achtsame Impulse plötzlich mit höchster Eigenbeteiligung an den Bettrand und ging mit uns zum Aufenthaltsraum. Und die sichtlich verängstigte Frau Sanz lernte in wenigen Minuten, wie sie über eine geschickte Gewichtsverlagerung ganz ohne das schädliche Heben und Tragen der Pflegenden vom Rollstuhl ins Bett gleiten konnte. Das Schönste: Die lokalen Pflegekräfte spiegelten die Bewegungen am eigenen Körper nach und lernten begeistert mit.
Station 2: Peking – Hochtechnologie, U-Bahn-Nacken und Kinaesthetics in der Vertikalen
Per Hochgeschwindigkeitszug ging es weiter in die geschichtsträchtige Hauptstadt Peking. In Peking angekommen, ging es direkt zur großen Fachtagung in einer prachtvollen französisch-chinesischen Institution, die einst von den Staatspräsidenten Macron und Xi Jinping eingeweiht worden war. Auf dem Weg dorthin fiel mir in der U-Bahn auf, dass 99 % der Menschen starr auf ihr Smartphone blickten – die Halswirbelsäule komplett blockiert. Spontan baute ich dies in mein Referat vor den Fachleuten ein. Ich ließ den gesamten Saal spielerisch Kopf und Hals isoliert voneinander bewegen. Nach großem Gelächter war das Eis gebrochen. Unter dem Slogan „Bewegen statt Heben“ machten die Teilnehmenden begeistert mit.
Nach einem sportlichen Ruhetag, an dem wir uns mit ehemaligen Kursteilnehmerinnen in einer Kletterhalle auspowerten und das Kinaesthetics-Konzept Anstrengung (Ziehen und Drücken) an der Steilwand ausprobierten, folgte unser zweiter Grundkurs. Zwölf Menschen – vom Spitalarzt über einen Sportlehrer bis hin zur pensionierten IT-Fachfrau – forschten auf einem so sauber geputzten Boden, dass wir nicht einmal Decken brauchten. Mithilfe einer Dolmetscher-App hörte ich die gleichen „Aha-Momente“, die ich auch aus meinen Kursen in der Schweiz kenne.
Das große Finale: Die verbotene Stadt und der Faktor Zeit
Die letzten drei Tage in Peking fügten sich perfekt in dieses Bild der Superlative ein. Ich hatte das Privileg, zwei riesige Hausarztpraxen zu besuchen, die unglaubliche 2.000 Patienten pro Tag durchschleusen – logistisch perfekt digitalisiert. Wir stürzten uns ins authentische Leben, kauften in einem riesigen Shoppingcenter für Einheimische ein (Spitzenqualität zu, aus Schweizer Sicht, unschlagbar günstigen Preisen) und unternahmen eine spektakuläre Fahrradtour direkt vom Hotel über den geschichtsträchtigen Tian’anmen-Platz hin zu einem fantastischen Abendessen im imposanten China World Tower. Sich den Fahrradstreifen mit hunderten Radlern, lautlosen Elektrorollern und plötzlich haltenden Taxis zu teilen, war ein absolut pulsierendes Erlebnis!
Am allerletzten Tag besuchten wir schließlich das historische Herz des Landes: die Verbotene Stadt. Unsere Reisebegleiterin erklärte uns, dass der Besuch dieses Ortes für jeden chinesischen Staatsbürger ein echtes Lebensziel darstellt. Die riesigen Einlassmaschinerien und die schieren Dimensionen der Paläste machten uns die monumentale Bedeutung sofort klar.
Besonders die alten Sonnenuhren in den Höfen der Verbotenen Stadt haben es mir angetan. Warum? Weil wir in der Kinaesthetics-Perspektive der Interaktion immer auch mit dem Element Zeit arbeiten. Die alten Kaiser brachten die Zeit schon damals meisterhaft mit dem Raum und der jeweiligen Situation in Verbindung. Es war der perfekte Ort, um darüber nachzudenken, welches unschätzbare Privileg ich in den vergangenen 14 Tagen hatte.
Mein Fazit: Was bleibt?
Tausende Bilder sind nun in meinem Kopf und digital in meiner Cloud gespeichert. Doch die prägendsten und wertvollsten Bilder sind nicht die der gigantischen Wolkenkratzer oder alten Paläste. Es sind die Bilder der Begegnungen mit den Menschen. Menschen wie Herr X, Herr Xing, Frau Sanz oder die beiden unermüdlichen Pflegerinnen an der Basis. Sie alle haben mir einmal mehr gezeigt, worum es im Leben und in der Pflege wirklich geht: Erfahrungen zu machen – im Hier und Jetzt und im echten Miteinander.
Im Herbst werden wir diese wunderbaren Menschen über Online-Veranstaltungen aus der Schweiz heraus weiterbegleiten. Doch diese zwei Wochen haben ein tiefes Fundament hinterlassen. Sie haben bewiesen, dass das Lernen über die eigene Bewegung eine universelle Sprache ist, die weltweit Sinn stiftet. Und sie haben das Bewusstsein geschärft, dass jeder von uns die Verantwortung für sich selbst trägt: Ich bin mein eigenes Gesundheitswesen.
Ich frage mich voller Vorfreude, welche Bedeutung diese 14 Tage für meine persönliche und berufliche Zukunft haben werden. Ich lasse mich überraschen, was das Leben noch alles bereithält.
Danke an alle, die mich auf diesem großen Abenteuer China virtuell begleitet haben!

















Dass ERICH erst seit zwei Wochen in China ist und bereits 14 hochwertige, tiefgründige Blogartikel verfasst hat, berührt mich zutiefst. Diese Artikel sind für uns Kinästhetik-Studierende äußerst wertvolles Lernmaterial.
Aus Ihrer Führung von Herrn X, Herrn Xing, Frau Oxa und Frau Sanz habe ich am eigenen Leib erfahren, was unter den ATL (Aktivitäten des täglichen Lebens) mit „Raum und Zeit gestalten – Arbeiten und Spielen“ gemeint ist. Ich habe tiefer verstanden: Taktile Führung ist eine stumme Kommunikationssprache. Sie kann den Körper der Pflegeempfänger öffnen und die Verbindung zwischen Knochen und Zwischenräumen herstellen, sodass die Betreuten das Gefühl der Körperbeherrschung spüren. Das lässt die alten Menschen erleben: Ich kann noch für mich selbst verantwortlich sein, ich habe noch Selbstwirksamkeit, mein Leben hat noch Sinn. Ihr lange nicht gesehenes Lächeln zu sehen, berührt mich zutiefst.
Am Schönsten ist: Die Begeisterung des Pflegepersonals dafür, mitzulernen und selbst zu erleben. Sie sind Praktizierende der Kinästhetik im Pflegebereich und voller Hoffnung.
Ich danke Ihnen, liebe Lehrkraft, dass Sie den weiten Weg von der Schweiz bis nach China auf sich genommen haben, um Theorie und Praxis zu vermitteln. Möge diese Disziplin in der chinesischen Pflege Wurzeln schlagen und Keime treiben, um noch mehr Menschen in Not zu helfen.