Aufbaukurs «Kinaesthetics in der Pflege»

Institutionen im Sozial- und Gesundheitswesen setzen auf nachhaltige Bildung von Bewegungskompetenz. Dabei spielt der Aufbaukurs «Kinaesthetics in der Pflege» eine besondere Rolle. Warum dies so ist, haben wir Erich Weidmann gefragt. Er ist seit zwanzig Jahren als Kinaesthetics-Trainer tätig.

 

Bewegungskompetenz 

Pflegekultur: Welche besondere Rolle spielt der Aufbaukurs «Kinaesthetics in der Pflege» für die Entwicklung von Bewegungskompetenz?
Weidmann:
Es zeigt sich einerseits, dass Kinaesthetics-Aufbaukurse vor allem in Bildungsprojekten eingeplant und durchgeführt werden. Die Erfahrungen in diesem Setting zeigen eine grosse Wirkung bei den MitarbeiterInnen in Form von individueller Weiterentwicklung ihrer Bewegungskompetenz. Andererseits kenne ich viele PflegemitarbeiterInnen, die aus eigener Initiative heraus den Kinaesthetics-Aufbaukurs für die persönliche berufliche Weiterentwicklung besucht haben und dann von Begeisterung gepackt wurden. Einige davon sind heute selber TrainerInnen.

Pflegekultur: Auf was baut ein Aufbaukurs «Kinaesthetics in der Pflege» auf?
Weidmann:
Die TeilnehmerInnen kommen mit Erfahrungen und Wissen zur eigenen Bewegung sowie vielen neuen Ideen für die Unterstützung von pflegeabhängigen Menschen aus dem Grundkurs. Darauf basierend steht im Aufbaukurs die Bedeutung der Bewegungskompetenz für Lern- und Gesundheitsprozesse im Mittelpunkt. Dies beinhaltet eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Konzepten und es werden erste Schritte in Richtung Analyse- und Dokumentationskompetenz gemacht.

Geschwindigkeitsanpassung versus Zeit

Pflegekultur: Sie sprachen von Menschen, die im Kinaesthetics-Aufbaukurs von Begeisterung gepackt wurden. Wie zeigt sich das?
Weidmann:
Auf der einen Seite sind da die Peer-TutorInnen und TrainerInnen, die jedes Jahr neu dazukommen, auf der anderen Seite die Rückmeldungen von vielen TeilnehmerInnen.

Pflegekultur: Gibt es da etwas Herausragendes?
Weidmann:
Folgende Rückmeldung, die mich jedes Mal aufs Neue berührt, höre ich oft: «Ich gebe den BewohnerInnen nun die Zeit, die sie für eine gewisse Aktivität brauchen, und dabei merke ich, dass ich selbst nicht mehr Zeit brauche.» Verstehen Sie, in der gemeinsamen Interaktion zwischen zwei Menschen ist die Zeit des langsameren vermutlich immer die kürzeste. Dies ist darin begründet, dass pflegebedürftige Menschen bei unpassenden Tempi oder Richtungen alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte mobilisieren, um die Bewegung zu blockieren. Das verlängert den Weg und die Zeit.

Diese Feststellung der KursteilnehmerInnen basiert auf ihren eigenen Erfahrungen, und deshalb ist sie aussagekräftig.

Pflegekultur: Wie meinen Sie das?
Weidmann:
Viele Pflegende tappen in die sogenannte Zeitfalle – sie haben das Gefühl, für gewisse Unterstützungen sei nicht genug Zeit vorhanden –, weswegen sie die Interaktionen mit den Pflegebedürftigen nicht passend gestalten können. Ihre Erfahrungen sind Blockaden, Schmerzen und vieles mehr.

KursteilnehmerInnen, die sagen «Ich gebe den BewohnerInnen die Zeit, die sie brauchen», beschreiben nicht, wie vielleicht vermutet, Zeiteinheiten. Sie beschreiben ihre neue Kompetenz, mit der sie im jeweiligen Moment das Tempo und die Richtung immer vielfältiger anpassen können.

Zeit haben

Pflegekultur: Im Moment das Passende zur Verfügung zu haben, tönt aber auch herausfordernd  …
Weidmann: Ja, die berufliche Herausforderung in der Pflege ist hoch. Darum finde ich es so wichtig, dass wir den Pflegenden helfen, ihre Bewegungskompetenz zu entwickeln und eine dazu passende Fachsprache zu finden, mit der sie diese Entwicklungen adäquat erfassen und beschreiben können.
Ich meine damit, um beim Beispiel der Rückmeldungen zur Zeit zu bleiben, Folgendes: Eine zeitknappe Umgebung, wie das täglich in der Pflege der Fall ist, verlangt nach einer hohen Bewegungskompetenz, mit der die Geschwindigkeit dauernd an das Gegenüber angepasst werden kann. Das Tempo nicht anzupassen, ist vermutlich jedem möglich.

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Üben

Pflegekultur: Ist das so schwer?
Weidmann:
Ich versuche es mit einem Beispiel aus dem Sport, dem Skifahren. Viele mögen sich an die ersten, herausfordernden Fahrten auf diesen Brettern erinnern. In diesem Sport gibt es Menschen, die sich todesmutig die Lauberhornpiste hinunterstürzen. Sie begeben sich freiwillig in eine sehr zeitknappe Umgebung, am liebsten hätten sie die kürzeste Zeit von allen. Hier ist ganz klar: Je besser die FahrerIn sich anpassen kann, desto eher wird sie die Herausforderung meistern! Eine kleine Unachtsamkeit und sie wir viel Zeit brauchen. Die Kompetenz, sich in diesem Umfang adäquat anzupassen, hat jede dieser FahrerInnen über viele verschiedene Lernumgebungen und Trainingseinheiten hinweg entwickelt.

Pflegende sind bis heute nicht in der glücklichen Lage von SpitzensportlerInnen, die Schritt für Schritt Herausforderungen angegangen können. Pflegende werden bisweilen in Arbeitsschichten eingeplant, die Anpassungsleistungen über Stunden erfordern. In diesen Marathons gibt es viele unpassende und schmerzvolle Momente. Pflegende, die im Pflegealltag ihre Bewegung an die des Gegenübers anpassen können, verfügen über eine hohe Bewegungskompetenz und sind damit mit unseren HeldInnen aus dem Sport vergleichbar.

Training

Pflegekultur: Sie sehen den Kinaesthetics – Aufbaukurs sozusagen als Trainingsangebot für Pflegende?
Weidmann:
Ja, das kann man so sehen. Wie schon eingangs erwähnt gibt es Institutionen, die sich der Bedeutung der individuellen Bewegungskompetenz bewusst sind und ihr Team diesbezüglich coachen. Dabei stehen sie hinter dem Team und sehen dessen individuellen Potenziale. Und diese persönlichen Potenziale möchten sie fördern.

Pflegekultur: Wird man so zur SiegerIn?
Weidmann:
Ups, jetzt haben Sie mich aber erwischt! Ich bin mir nicht sicher, ob es im beruflichen Umfeld hilfreich ist, SiegerInnen zu erküren, denn das erzeugt zu viele VerliererInnen. Mit Blick auf den Auftrag, den sich Pflegeinstitutionen geben, kann man vermutlich schon davon ausgehen, dass dieser mit einer bewegungskompetenzorientierten Strategie gestärkt würde. Dies kann sich auch in stimmigen Zahlen zeigen.

Für mich ist jedoch auch der Blick auf die Pflegeprofession wichtig. Dabei steht die Interaktionsfähigkeit der Pflegenden in der Unterstützung Pflegebedürftiger in hochkomplexen und schambehafteten Lebenssituationen im Mittelpunkt. Die angemessene Gestaltung solcher Momente ist bestimmt nicht nur für den gepflegten Menschen eindrucksvoll und bemerkenswert. Ich freue mich immer wieder darüber, wenn Pflegende Interaktionen so gestalten, dass dabei Respekt und Wertschätzung erfahrbar werden und sie dies als Teil ihrer persönlichen Pflegekompetenz beschreiben können.

Pflegekultur: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

www.pflegekultur.ch 

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