«Demenz und Komplexität – von der Aussen- zur Innenperspektive»

Auf der einen Seite ist es dem Menschen gelungen, seit rund hundert Jahren ein immer höheres Alter zu erreichen. Gleichzeitig eröffnete die digitale Revolution der Gesellschaft Möglichkeiten, die vor vierzig Jahren noch undenkbar gewesen wären. Nie in der Geschichte ging es der Menschheit so gut, sollte man meinen … Auf der anderen Seite sind die heutigen Menschen oftmals aber auch verunsichert und empfinden verschiedene Lebensbereiche als instabil. Die Sicherheit der Arbeitsplätze ist nicht mehr selbstverständlich. Das Gesundheitssystem hat sich zu einer spiralförmigen Kostenexplosion entwickelt. Tausende von Menschen können den täglich an sie gestellten Anforderungen mental nicht mehr genügen und werden als dement bezeichnet. Eine echte Krise steht vor der Tür.«Eine Krise ist immer auch eine Chance», sagt Erich Weidmann, Kinaesthetics-Trainer und «Erfahrungswissen-Schaffender». So ist er überzeugt, dass Menschen, die ihr Leben mit einer Demenz meistern, der Gesellschaft viel zu sagen hätten. Er sieht die in der Krise enthaltene Chance darin, dass wir lernen, die «Sprache» zu verstehen, in der sich die demenzbetroffenen Menschen äussern.Stefan Knobel  hat Fragen gestellt. >>>PDF

Komplexität

Stefan Knobel: Erich Weidmann, der Alltag fordert die Menschen ohnehin bis an die Grenzen – und jetzt fordern Sie, dass sich die Gesellschaft auch noch mit demenzbetroffenen Menschen auseinandersetzen soll?
Erich Weidmann: Die Gesellschaft? Das würde nicht funktionieren. Diese Herausforderungen stellen sich dem Einzelnen! Es ist immer das Individuum, das entscheidet, wie es mit Herausforderungen umgeht. Von Bedeutung ist, welche Fragen bei diesem entstehen und wie es Verantwortung übernimmt. Gravierend scheint mir zu sein, dass es heute durchaus möglich ist, von der «analogen und digitalen Welt» regelrecht plattgemacht zu werden.

Knobel: Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dieser komplexeren Welt und Demenz?
Weidmann: Die digitale Revolution und die damit verbundene Informationsflut lassen eine Welt entstehen, die ich oft nicht verstehen und einordnen kann. Sich darin nicht ohnmächtig hin- und hergeworfen zu fühlen, verlangt nach einem ständigen Lernen. Das weist Parallelen zu meinem Lernprozess auf, den ich im Umgang mit Menschen, die ihr Leben mit Demenz meistern, erlebe.

Geschichte

Knobel: Erzählen Sie …
Weidmann: Das Phänomen, das wir heute mit Demenz bezeichnen, hat in meiner Jugend, das war in den 60er- und 70er-Jahren, als Arterienverkalkung ein stilles, einsames Dasein gefristet. So wie ich mich erinnere, wurden die davon betroffenen Menschen, so lange es ging, in den Familien unterstützt. Die damalige durchschnittliche Lebenserwartung hat die Zahl dieser Menschen relativ tief gehalten.
Insgesamt ist die durchschnittliche Lebenserwartung seit Beginn des 20. Jahrhunderts rasant angestiegen, bei den Frauen beispielsweise von 48 auf 85 Jahre, soviel ich weiss. Und dieser Anstieg an Lebensjahren führt nun dazu, dass auch die Anzahl der Menschen, die die erfahrbare Welt sichtlich nicht mehr mit den an sie gestellten kulturellen Anforderungen koppeln können oder wollen, sehr stark ansteigt.

Knobel: Wie haben Sie das erlebt?
Weidmann: Ich begann 1982 die Ausbildung zum Psychiatriepfleger. Damals begegnete ich Menschen mit Arterienverkalkungen in der Klinik. Viele von ihnen lagen den ganzen Tag im Bett. Mir wurde gesagt, dass sie vegetieren. Das Verb «vegetieren» bedeutet «kärglich leben», und mit ihm werden Menschen bezeichnet, die «ohne seelische und geistige Regung» leben, eben wie eine Pflanze, wie ein Gemüse. Viel mehr als seelisch und geistig waren unsere BewohnerInnen aufgrund ihrer Bettlägerigkeit aber körperlich eingeschränkt, und auch aufgrund dieser Immobilität glichen sie an Ort und Stelle verwurzelten Pflanzen. Mit der Zeit bemerkte ich, dass diese Menschen nicht im Zustand des «Untätigseins» zu uns kamen. Sie waren beim Eintritt in die Klinik meistens mobil! Der Grund für ihre Einweisung in die Klinik war – ein wenig plakativ ausgedrückt – schlicht und einfach «nicht normales Verhalten».

Demenz eine Kust zu verstehen

Verantwortung

Knobel: Verstehe ich Sie richtig, die Leute kamen mit Verhaltensauffälligkeiten in die Klinik und wurden dort zu Pflegefällen?
Weidmann: Ja, ich würde das sogar noch deutlicher ausdrücken: Unsere Behandlung, vor allem mit beruhigenden Medikamenten, und die daraus resultierende Betreuung haben sie aus einer Aussensicht zwar gewissermassen in eine genormte Welt zurückgeholt. Die Verhaltensauffälligkeiten waren behandelt. Tief drin wussten wir aber, dass da etwas nicht stimmen konnte. Der Preis dafür war allzu oft Immobilität. Das führte zu wichtigen kritischen Auseinandersetzungen in den Institutionen und in der Öffentlichkeit. So hat zum Beispiel die Alzheimervereinigung, die damals eine erstarkende Angehörigenvereinigung war, zunehmend begonnen, diese Behandlungsweise zu hinterfragen.

Knobel: Was ist daraus entstanden?
Weidmann: Die Institutionen wurden in die Verantwortung gezogen. Dies führte zu vielfältigen Versuchen, diese Menschen – die übrigens plötzlich nicht mehr an Arterienverkalkung, sondern an Alzheimer litten – besser zu betreuen. Anfänglich gründete man geschlossene, im Laufe der Zeit dann geschützte Stationen, die später zu Wohngemeinschaften für AlzheimerpatientInnen wurden. Gleichzeitig wurden viele Pflegende, so wie ich auch, im wahrsten Sinne (um-)gebildet: «Ist heute Monat oder Dezember», «Verwirrt nicht die Verirrten» oder auch «Inseln der Verrücktheiten» sowie «Ausbruch in die Menschwürde» waren die Themen, die mich damals einerseits erschüttert haben und die andererseits sichtbar machten, dass ich eine grosse Verantwortung übernehmen muss.

Demenz

Grenzerfarhung

Knobel: Höre ich einen Unterton der Verzweiflung …?
Weidmann: O ja! Im Rückblick betrachtet finde ich, dass mir und vielen anderen, die auf den geschützten Stationen arbeiteten, sehr viel zugemutet wurde. Durch Fortbildung entstand Wissen und Verhaltensänderung. Aber das Fatale aus heutiger Sicht war, dass vieles aufgrund unserer Veränderung funktionierte. Wir aber nahmen an, dass unser Wissen den Demenzbetroffenen verändert hätte, im Sinne von: «Bei einigen schaffen wir es, bei anderen nicht», und die Verantwortung dafür schrieben wir jeweils den Demenzbetroffenen zu. Dies führte gleichzeitig dazu, dass ich in den neu entstandenen Demenzstationen trotz meiner Bildung oft mit Gefühlen höchster Ohnmacht und Überforderung leben musste. Momente, in denen ich Bildung und Instrumente gelinde gesagt als Hohn oder zumindest als noch nicht genug entwickelt empfand! Heute ist mir klar, dass Behandlungsrezepte nicht in Demenzstationen passen.

Knobel: Wissen war nie so zugänglich wie heute, dennoch fühlen sich viele Menschen ohnmächtig und überfordert.
Weidmann: Ja, mir scheint auch, dass wir doch Grund hätten, uns sicher zu fühlen. Trotzdem sind viele Menschen verunsichert! In diesem Zusammenhang fragte ich mich: Was hat mich damals in dieser wirklich instabilen Umgebung sicherer und hoffnungsvoller gemacht?
Beim Nachdenken machte ich eine für mich interessante Entdeckung. Ich suchte zu Beginn nach Lösungen aus einer Aussensicht, wohl mit der ziemlich verrückten Annahme, ich könnte wissen, wie ein anderer Mensch funktioniert! Unbemerkt hatten die vielen Bildungen aber mein Verhalten vielfältiger werden lassen. Dieses veränderte Verhalten meinerseits war wohl der Grund, warum auch damals schon vieles funktioniert hatte. Meinen Zugang zum Gegenüber suchte ich ausschliesslich im Aussen. Mein Verhalten war noch nicht Teil der Erklärung und somit nicht relevant. Heute weiss ich und bin davon überzeugt, dass es die Fähigkeit war, mich selber zu entwickeln und sozusagen in Echtzeit Fehlerkorrekturen zuzulassen, die mich sicherer und hoffnungsvoller werden liess!

Bildung

Knobel: Was hat zu dieser Beobachtung geführt?
Weidmann: Von der Aussen- zur Innenperspektive kam ich schrittweise und ich meine, einiges noch immer nicht entdeckt zu haben. Der ursprüngliche Anlass, der letztlich zu dieser Wahrnehmung führte, waren die Basiskurse von Kinaesthetics. Es waren wirklich die ersten Bildungen, die konsequent meine Bewegung und somit mein Verhalten in den Mittelpunkt stellten. Sätze wie «Menschen lernen immer», «Menschen steuern sich von innen» oder «Hilfe hilft nicht immer, die Qualität der Hilfe hilft» faszinierten mich. In meiner Ausbildung zum Kinaesthetics-Trainer kam die intensive Auseinandersetzung mit der Kybernetik dazu.

Zirkularität

Knobel: Kybernetik?
Weidmann: Einer Gruppe von ForscherInnen gelang nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Beschreibung von Echtzeitprozessen. Sie haben begonnen, die gegenseitige Beeinflussung von verschiedenen Systemkomponenten zu beobachten und zu beschreiben. Die bisherigen linearen Beschreibungen wie «A führt zu B und das führt zu C» wurden ersetzt durch zirkuläre Beschreibungen wie «A beeinflusst B und B beeinflusst C was wiederum A verändert etc.».
Diese neue Sichtweise der Welt hat die unglaubliche technologische Entwicklung ermöglicht, die wir heute erleben. Die zirkuläre Beschreibung hat aber auch das Verständnis der Funktionsweise von Lebensprozessen und menschlichem Verhalten verändert.

Knobel: Erklären Sie das.
Weidmann: Die Kybernetik führte zur Einsicht, dass der Mensch das eigene Verhalten ständig aufgrund zirkulärer gegenseitiger Beeinflussung neu anpasst. Das heisst, weder mein Verhalten noch das eines anderen ist voraussehbar. Mein Verhalten ist sozusagen meine Echtzeitregulation. Diese Perspektive führt zum Verständnis, dass auch Menschen, die ihr Leben mit Demenz gestalten müssen, sich immer wieder neu erfinden. Sie verarbeiten dabei Information in Echtzeit. So wie wir alle das tun.
Durch dieses Verständnis bekam die Innenperspektive eine Bedeutung bei unserer Arbeit mit Menschen mit Demenz. Indem ich und viele meiner KollegInnen entdeckten, dass wir uns nur selbst regulieren und beobachten können, begannen wir besser zu verstehen, wie wichtig es ist, auf die eigene Bewegung zu achten. Daraus entstand eine Vielfalt von Anpassungsmöglichkeiten in der Gestaltung von Beziehungen. Bei den darauffolgenden Herausforderungen entdeckten wir dann, welche Bedeutung die Reflexion über Bewegungserfahrungen mit KollegInnen hat.

Trend

Knobel: Auf sich selber zu achten und sich besser zu spüren, scheint im Trend zu liegen?
Weidmann: In der oft überreizten «Welt» der Demenzstationen hat es geholfen, das eigene Verhalten zu erforschen. Mit den Kinaesthetics-Konzepten konnte ich meiner Meinung nach sehr pragmatisch auf meine Bewegung achten. So lernte ich eine Perspektive einzunehmen, aus der heraus ich mich als Selbstwirksam erlebe, sogar dann, wenn die Begegnung «nicht erfolgreich» ist. Denn heute getraue ich mich, nach Fragen zu suchen, bei denen die Antworten nicht offen daliegen, sondern die ich bearbeiten kann.
Diese Situationen in meinem Berufsalltag weisen meiner Meinung nach wieder sehr viele Parallelen auf zu den Herausforderungen, die die heutige Welt uns stellt. Ich will nicht behaupten, dass die Welt eine Demenzstation ist, aber mir scheint, dass die analoge Welt durch die digitalen «Zutaten» ziemlich komplex geworden ist. Da tue ich besser daran, mich selber zu spüren und anzupassen, als ohnmächtig auf die Anpassung der Welt zu warten. Dies scheinen momentan viele Menschen zu erkennen.

Demenz und Kompexität

Achtsamkeit

Knobel: Was entwickelt sich, wenn Menschen in ihrer Selbstwahrnehmung achtsamer sind?
Weidmann: Natürlich kann ich das nur aus meiner Perspektive beschreiben, ich meine jedoch, dass meine Erfahrungen in einem gewissen Mass auch auf andere Menschen übertragbar sind. Ich bin heute zuversichtlich, dass sich Lösungen immer in den jeweiligen Momenten zeigen. Anstatt mich davor zu fürchten, nicht zu erfüllen, was gefordert wird, gelingt es mir mehr und mehr, mich der Beziehung zum jeweiligen Gegenüber zuzuwenden. Daraus entstehen für mich wertvolle Erfahrungen, weil ich mich, anstatt mich ohnmächtig zu fühlen, als Gestaltender wahrnehme.

Erich Weidmann teilt seine Erfarhungen unter anderem in diesem Workshop Demenz bewegt – Die Kinaestehtics Perspektive

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