Der erste Grundkurs in China – Wenn aus Fremden Forschungspartner werden

Nach diesem Marathon an tiefen Eindrücken in den Pflegeheimen rückte nun endlich das große Ziel unserer Reise in den Fokus. Die Praxis hatte uns gezeigt, wie dringend das Kinaesthetics-Wissen hier vor Ort gebraucht wird. Doch Theorie und Praxis in einem fremden Kulturkreis zu vermitteln, ist eine ganz eigene Herausforderung.

Nächtliche Gedanken und ein perfekter Raum

In der Nacht vor dem ersten Grundkurs ging mir unglaublich viel durch den Kopf. Ich wälzte mich im Bett hin und her und überlegte mir genau, wie ich den Kurs gestalten sollte. Immerhin bedeutete das für mich Neuland: Jeder Satz, den ich ausspreche, musste erst von meiner Kollegin Ping Cheng Satz für Satz ins Chinesische übersetzt werden. Findet man da den richtigen Rhythmus? Geht der Fluss verloren?
Am Vorabend hatten wir zum Glück noch kurz den Kursraum besichtigt, und ich war schlichtweg begeistert von den Bedingungen, die uns dort erwarteten. Ein regionales Organisationskomitee hatte im Hintergrund wirklich alles auf das Beste vorbereitet.
Am Morgen des Kursstarts ging es nach dem Frühstück sofort los. Wir bereiteten die Flipcharts vor – was natürlich bedeutete, dass jeder Begriff erst sorgfältig übersetzt und zweisprachig aufgeschrieben werden musste. Schon bald trafen die ersten Kursteilnehmenden ein, und um Punkt 09:00 Uhr war es so weit: Mein allererster Kinaesthetics-Grundkurs auf chinesischem Boden startete!

Von der Erfahrung zur Theorie

Wie bei all unseren Bildungsangeboten ging es mir auch hier darum, die Teilnehmenden behutsam an dieses ganz besondere, ungewohnte Lernen heranzuführen. Unser Leitsatz lautet: Von der eigenen Erfahrung zur Theorie.
Das klingt schnell und einfach ausgesprochen. Den Teilnehmenden aber verständlich zu machen, dass es in Kinaesthetics nicht darum geht, „richtige“ Griffe zu lernen, sondern die eigene, im Moment funktionierende Bewegung aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten und zu erforschen – das ist eine ganz andere Herausforderung.
Die Gruppe war bunt gemischt: Sie setzte sich aus Heimleiterinnen, Pflegefachleuten und sogar einem EDV-Fachmann zusammen. Und was mich vom ersten Moment an fasziniert hat: Wie unkompliziert man über die Bewegung mit Menschen aus einer völlig anderen Kultur in einen Lernprozess kommen kann!
Schon im Laufe des Vormittags zeigte sich, dass es innerhalb dieser Gruppe absolut keine Berührungsängste gab. Im Gegenteil: Die Leute suchten regelrecht die Interaktion mit den anderen Teilnehmenden. So entstand in kürzester Zeit ein wunderbar druckarmes, bewertungsfreies Lernklima, das Raum für tolle und tiefgründige Fragen bot.

Ein runder Abschluss und der Blick in die Zukunft

Am zweiten Tag vertieften wir dieses Lernen weiter, bevor wir den ersten Teil des Grundkurses mit einer Reflexions- und Rückmelderunde abschlossen. Es war zutiefst beeindruckend zu hören, wie präzise und passend die Teilnehmenden beschreiben konnten, dass sie in diesen zwei Tagen vor allem unglaublich viel über sich selbst und ihren eigenen Körper gelernt haben.
Im September wird diese Reise weitergehen. Die nächsten Kurstreffen werden wir allerdings online aus der Schweiz heraus gestalten. Ich bin jetzt schon wahnsinnig neugierig und voller Vorfreude zu hören, welche Erfahrungen diese tollen Menschen bis dahin in ihrem Pflegealltag gesammelt haben!
Ausblick auf den nächsten Beitrag: Der Grundkurs war ein voller Erfolg, doch das Programm in Hangzhou hielt noch ein weiteres Highlight für uns bereit: Die große Kinaesthetics-Fachtagung. Wie wir dort vor einem noch größeren Publikum unser Wissen teilen durften, erfahrt ihr im nächsten und letzten Teil dieser Serie!