Die Kunst des Abwartens – Wie Frau Oxa ihre Schritte wiederfand

So beeindruckend die digitalen Systeme und die Montessori-Räume dieser riesigen Vorzeige-Institution auch waren – für mich schlägt das wahre Herz der Pflege nicht in der Theorie, sondern in der direkten Begegnung.

Ein erschrockener Empfang und eine große Delegation

Wie schon am Vormittag hatten unsere beiden Begleiterinnen die Heimleitung gebeten, dass wir mit zwei Bewohnern ganz praktisch in Bewegung kommen dürften. Man willigte ein, und so betraten wir ein weiteres Zimmer.
Dort lernten wir Frau Oxa kennen. Als wir eintraten, schrak eine Pflegemitarbeiterin zutiefst auf – sie lag im gegenüberliegenden Bett und hatte dort vermutlich die Aufgabe der Sitzwache übernommen, um die demenzbetroffene Frau zu betreuen. Man erklärte uns sofort die große Herausforderung: Frau Oxa zeige eine ganz starke Verweigerung gegenüber der Pflege. Ihr Rückzug äußerte sich in extrem hoher Körperspannung und teilweise aggressivem Verhalten. Und als wäre das für die Bewohnerin nicht schon Stress genug, war natürlich auch dieses Mal wieder eine beachtliche Delegation im Zimmer anwesend.

Der verbotene Handschlag

Ich begann die Annäherung sehr behutsam. Ganz langsam nahm ich Kontakt mit ihrer Schulter und ihrem Oberarm auf und führte meine Hand Stück für Stück weiter in Richtung ihrer Hand. Mehrere Male zog sie ihren Arm reflexartig weg. Ich ließ das ganz bewusst zu, hielt den Druck nicht gegen, sondern begann jedes Mal wieder sanft von vorn.
Und dann kam der Moment, an dem sie die Berührung zuließ und ich sie tatsächlich mit einem Handschlag begrüßen konnte. Das ist in China kulturell eigentlich überhaupt nicht üblich – und trotzdem passierte etwas Magisches: Ab diesem Handschlag fixierte mich Frau Oxa mit ihrem Blick und folgte mit ihren Augen jeder meiner Bewegungen.
Über das Berühren und Bewegen stellte ich ihr nun verschiedenste „Fragen“ im kinaesthetischen Sinn. Ich akzeptierte jede ihrer Antworten – sei es ein kurzer Rückzug oder eine neue Verspannung. Doch je mehr ich mich auf ihren Rhythmus einließ, desto mehr begann sie, meinen Impulsen zu folgen. Zur völligen Überraschung aller Anwesenden setzte sich Frau Oxa schließlich mit höchster Eigenbeteiligung selbstständig an den Bettrand.

Die Steuerung bleibt beim Gegenüber

Dort blieben wir einen Moment ruhig sitzen, um anzukommen. Die Pflegeperson erklärte mir nun: „Frau Oxa kann zwar stehen und laufen, aber dafür brauchen wir immer zwei Pflegende, die sie halten.“
Ich bat meine Reisebegleiterin hinzu, und gemeinsam machten wir uns daran, Frau Oxa in den Aufenthaltsraum zu begleiten. Auf dem Weg dorthin war unsere wichtigste Aufgabe als Begleiter: In den schwierigen Momenten nicht zu ziehen oder zu schieben, sondern nach ganz feinen Impulsen zu suchen, die ihr halfen, ihre Schritte wieder selbst zu finden und zu gestalten.
Mein Kollegein und ich bemerkten schnell, dass es uns gelang, die Steuerung der Bewegung komplett bei Frau Oxa zu belassen. Für die lokalen Pflegenden war das ein regelrechter Schock – was uns vermuten ließ, dass Frau Oxa normalerweise von zwei Personen mehr getragen und geschoben als geführt wurde. Im Aufenthaltsraum angekommen, fand sie den Weg vom Stehen ins Sitzen praktisch komplett selbstständig. Und sie lächelte mich an.

Das Fazit eines langen Weges

Auch hier im zweiten Vorzeige-Heim durfte ich die tief berührende Erfahrung machen:

Die Sprache von Berührung und Bewegung ist in der Demenzarbeit eine universelle Macht. Sie überwindet Kulturkreise, Sprachbarrieren und Krankheitsbilder. In diesem Moment war ich einfach nur dankbar für meine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dieser Sprache der Kinaesthetics – denn hier, am anderen Ende der Welt, zeigt sie einfach eins zu eins ihre Wirkung.

Ausblick auf den nächsten Beitrag: Der Tag war immer noch nicht vorbei! Ein weiterer Bewohner wartete auf uns, und die Erfahrungen nahmen kein Ende. Im nächsten Teil erzähle ich euch von der vierten und letzten Begegnung dieses intensiven Tages. Bleibt dran!