Weihnachten dauert manchmal länger als ein Jahr

Eine Geschichte über das Ankommen im eigenen Körper

Manchmal dauert Weihnachten länger als ein Jahr. Es beginnt oft unscheinbar, so wie damals, als ich meinen E-Mail-Posteingang öffnete. Eine Nachricht ploppte auf, eine Anfrage, die mein Herz für Bewegung und Begegnung sofort berührte: Wäre es möglich, eine Kinaesthetics-Beratung in einem Alters- und Pflegeheim durchzuführen?

Die Absenderin war voller Hoffnung. Sie erinnerte sich begeistert daran, welche Bedeutung Kinaesthetics einst für ihre Arbeit hatte, und nun wünschte sie sich genau diese Qualität für einen guten Bekannten.

Die erste Begegnung: Ein Riese im Rollstuhl

Markus war eine Erscheinung. Ein großgewachsener Mann mit über 90 Jahren Lebenserfahrung, der nun im Rollstuhl saß. Seine Familie war in Sorge. Die gesundheitlichen Herausforderungen der letzten Wochen hatten Spuren hinterlassen, und die Angst war groß, dass Markus vollständig in die Abhängigkeit rutschen würde. Herkömmliche Therapien lehnte er oft ab – sie strengten ihn an, ohne dass er den Sinn darin fand.

Als ich Markus begrüßte, sah er mich erwartungsvoll an: Was will dieser junge Mann wohl von mir?

Es ging mir nicht darum, ein Übungsprogramm abzuspulen. Es ging um Bewegungskompetenz. Ich fragte ihn: „Markus, sind Sie bereit, vom Rollstuhl aufs Bett zu wechseln, damit wir gemeinsam herausfinden, was noch geht?“

Das Geheimnis der Anpassung

Schnell wurde mir klar: Der Schlüssel lag nicht in der Kraft, sondern in der Feinfühligkeit. Markus war darauf angewiesen, dass ich mich ihm anpasste. Nicht er musste meiner Geschwindigkeit folgen, sondern ich musste meine Richtung, meine Kraft und mein Tempo minutiös an seine Möglichkeiten regulieren.

Das war der Moment der Wende. Markus, der sonst mit hoher Körperspannung und Abwehr auf fremde Bewegungen reagierte, spürte plötzlich: Hier passiert etwas mit mir, nicht gegen mich.

Weil ich mich anpasste, konnte Markus seine eigenen, verbliebenen Möglichkeiten wirksam einsetzen. Er hatte sofort ein Erfolgserlebnis. Er fühlte sich sicher.

Unterwegs sein: Die Hierarchie der Kompetenzen

Natürlich wünschten sich alle, dass Markus wieder läuft. Doch ich erklärte der Familie anhand der „Hierarchie der Kompetenzen“, dass Gehen nicht bei den Füßen beginnt.

„Meine Gehtrainings“, sagte ich ihnen, „finden im Liegen und Sitzen statt.“

Wir übten das Aufstehen und das Hinsetzen. Wir suchten nach Wegen, wie Markus seine Spannung regulieren und sich aktiv am Transfer beteiligen konnte. Wenn die Bewegung für ihn nachvollziehbar war, verschwand die Abwehr, und die Kompetenz kehrte zurück.

Es entstand eine wunderbare Allianz. Die Familie wurde zum Lernpartner. Wir machten kleine Videos von gelungenen Bewegungen, die sie dann unter der Woche mit Markus wiederholten. Das Bett und der Rollstuhl wurden vom Ort der Pflege zum Lernraum.

Ein Jahr später: Das eigentliche Ankommen

Ein Jahr ist vergangen. Heute war ich wieder bei Markus. Das Zimmer ist adventlich geschmückt, Tannenduft liegt in der Luft. Markus ist nun über 90 und ein Jahr älter – aber er ist wacher und kompetenter als zuvor.

Seine Möglichkeiten haben sich enorm entwickelt. Nicht, weil er plötzlich wieder Marathon läuft, sondern weil sein Vertrauen in seinen eigenen Körper zurückgekehrt ist. Er hat eine höhere Bewegungskompetenz entwickelt:

  • Er versteht seine Bewegungen.

  • Er gestaltet sie aktiv mit.

  • Er ist präsent in jeder Interaktion.

Ich schaue ihn an und begreife: Advent ist manchmal ein Ankommen, das wesentlich länger dauert als die vier Wochen im Dezember. Wirkliches Ankommen bedingt das „Unterwegs-Sein“. Es bedeutet, Täler zu durchschreiten und die Hoffnung nicht zu verlieren.

Markus ist angekommen. Nicht an einem Endpunkt, sondern in einer vertrauensvollen Beziehung zu sich selbst, zu den Menschen um ihn herum und zu seinem eigenen Körper. Das ist das Licht, das wir im Advent suchen – die Zuversicht im gemeinsamen Tun.