Ist es auch für Sie undenkbar, dass in einem Pflegeheim Zweier- oder gar Dreierzimmer angeboten werden? Können Sie sich unmöglich vorstellen, selber oder für Angehörige in einem Pflegeheim ein Zweier- oder gar Dreierzimmer zu wählen, wenn Sie das bräuchten? Erich Weidmann begleitete viele Menschen in den oft herausfordernden Zeiten eines «Wohnungswechsels» von zu Hause ins Pflegeheim. Er sagt: «Einzelzimmer können zu wahren Einsamkeitsfallen werden!» Wir sprachen mit ihm darüber.

Pflegekultur: In einem Leserbrief schreiben Sie: «Ich bin mir nicht sicher, ob die Forderung nach Einzelzimmern nicht stark durch Geschäfts- und Marketingbemühungen der Institutionen gefördert wurde. Immerhin sind da die Taxen doch um einiges höher.» Wollen Sie damit sagen, dass Einzelzimmer primär gar nicht der Wunsch der KundInnen sind?

Weidmann: Ich verstehe gut, dass bei einem Eintritt in ein Pflegeheim nur das Beste gut genug ist. Der Betroffene und seine Angehörigen befinden sich in einer Ausnahmesituation, in der sie oft zu Entscheidungen gedrängt werden. Es ist nachvollziehbar, dass man sich für das Einzelzimmer entscheidet. Allerdings kostet ein solches im Monat zwischen CHF 300 bis CHF 1000 mehr. Also muss die Ruhe, die man in diesem Zimmer hat, diesen Aufpreis wert sein. Der Wert der Einzelzimmer hat aber auch eine Geschichte.

Architekten verbauen vorhandenes Geld, was es auch kosten mag

Pflegekultur: Eine Geschichte?

Weidmann: Schauen Sie sich die Institutionen an, die in den 70er-Jahren gebaut wurden. Damals erstreckten sich die Planungsphasen oft über Jahre. Das Wünschenswerte wurde durch die vorhandenen Finanzen beeinflusst. Die ArchitektInnen richteten sich danach, obwohl sie damals schon gerne mehr verbaut hätten. In den 80er-Jahren konnte der Staat und sein Gemeinwesen wesentlich mehr finanzieren. In fast jeder Gemeinde wurden Altersheimkommissionen gegründet. Interessanterweise ging die Initiative dazu oft von ArchitektInnen oder anderen Bauleuten aus, was diese vielfach gleich zu deren PräsidentInnen machte, und selten waren Pflegefachleute vertreten. Glauben Sie mir, diese Gremien scheuten keine Mühe, das vorhandene Geld zu verbauen!

Pflegekultur: Sie würden also in ein Mehrbettzimmer einziehen?

Weidmann: Tatsächlich irritiert mich diese Frage im ersten Moment. Aber weder ich noch Sie können heute verstehen, was bis zu diesem Moment mit mir passiert sein wird … Was ich weiss, ist, dass ich als Kind, als Jugendlicher im Militär und Freizeitlagern und in der Ehe bis heute im Mehrbettzimmer gelebt habe. Ich hatte wenige Schlafstörungen und erinnere mich an viele schöne Interaktionen. Als Pflegebedürftiger würde dies anders sein, aber eine genauso belebende Wirkung auf mich haben! Ich könnte mir das so vorstellen:

Ich ärgere mich über das Schnarchen und andere Töne des Gegenübers genauso, wie die Gespräche oder die gemeinsamen Faxen im Rücken von denen draussen mich erfreuen. Dazu kommt der doppelte Besuch des Pflegepersonals in unserem Zimmer. Die netten BesucherInnen meines Zimmerpartners nicht zu vergessen! Vor allem seine Schwiegertochter erinnert mich mit ihrer zuvorkommenden Art an viele schöne Momente in meinem Leben. Meine eigenen Kinder, die sich ebenfalls um meinen neuen Kollegen kümmern. Die Tatsache, dass ich und mein Zimmerkollege alt sind und die letzte Wegstrecke gemeinsam gehen, lässt mich erleben, wie liebevoll die Pflegenden meinen neuen Kollegen bis zu seinem letzten Atemzug pflegen. Dies stärkt meine Zuversicht für meinen hoffentlich friedlichen Abschied.

 

Pflegekultur: Sie sind überzeugt, dass Interaktionen auf der letzten Wegstrecke eine grosse Bedeutung haben?

Weidmann: Ja, es irritiert mich, dass diese Kraft in verschiedenen Pflegekonzepten in Form von «Pflegeoasen» ausschliesslich demenzbetroffenen Menschen zugänglich gemacht wird. Das ist meiner Meinung nach heuchlerisch. Wenn solche Konzepte Menschen nicht grundsätzlich zumutbar sind, sprechen wir damit den Demenzbetroffen das Menschsein ab! Wahrscheinlich tut dies aber niemand ernsthaft. Somit sind die Wirkungen von Oasen auf alle Menschen übertragbar und sollten erforscht werden. Heimleitungen sollten damit beginnen.

Pflegekultur: Was ist das Problem dabei?

Weidmann: Es hat einen bestimmten Typus von Altersheimen geschaffen. Viele Einzelzimmer, wenige sogenannte Ehepaarzimmer und ein riesiger Speisesaal. Eine künstlich erschaffene Einsamkeitsfalle für viele BewohnerInnen. Stellen sie sich vor, um 11:30 Uhr gibt es Mittagessen und danach warten Sie bis 17:30 Uhr in ihrem Zimmer, bis es wieder Essen gibt … Jeden Tag! Eine stete Abfolge von Einsamkeit – Hochbetrieb – Einsamkeit.

 Daheim fühlen

Pflegekultur: Ihnen fehlt also im Heim etwas das «Daheim»?

Weidmann: Ja. Viele Menschen, die nicht daheim sind, wollen heim. Das Gefühl des «Daheimseins» ist eine individuelle von innen geschaffene Erfahrung. Die Umgebung hat einen wichtigen Einfluss darauf. Bei Gefangenen beispielsweise lässt sich anhand von Erfahrungsberichten ersehen, dass es nur wenigen gelingt, sich in ihrer Haut – was in diesem Falle dem Haus entspricht, das sie bewohnen – wohl zu fühlen. Aus meiner Perspektive sind dadurch Fragen dazu entstanden, was der meist unvorbereitete Einzug in ein Altersheim für betagte Menschen bedeutet.

Pflegekultur: Sie meinen, die Belastung des Eintritts ist inkompatibel mit der Stille eines Einzelzimmers?

Weidmann: Eintritt ist eine sehr verkürzte Sicht auf das, was da wirklich passiert. Ich weiss nicht genau, wie diese Bezeichnung entstanden ist. Umzug wäre doch schon passender und würde wenigstens ein wenig den Stress erahnen lassen, der damit verbunden ist. Menschen, die in ein Pflegeheim einziehen, würden oft nicht einmal im Traum daran denken umzuziehen. Einzig der Umstand, dass sie schleichend oder von einem Moment auf den anderen alltägliche Aktivitäten nicht mehr bewältigen können, führt zu ihrem Eintritt. Dieser Moment muss fast immer durch Angehörige festgelegt werden. Spitäler oder Spitex-Organisationen wirken dabei begleitend oder bestimmend mit.

 

Pflegekultur: Die Angehörigen suchen also die neue Wohnsituation aus?

Weidmann: Genau, ich erlebe es äusserst selten, dass die Betroffenen bei diesen Prozessen mit dabei waren. Wie schon gesagt, sind die Angehörigen da ziemlich gefordert durch die drastisch veränderte Lebenssituation der Betroffenen und zeitgleich durch ihre Zuständigkeit, für diese die bestmögliche Wohnsituation zu finden. Logischerweise ist die Stille und Aufgeräumtheit des Einzelzimmers das, was die Angehörigen sich für die Betroffenen wünschen. Gleichzeitig erhoffen sich die Angehörigen von einem solchen Eintritt, dass danach wieder geordnetere Zeiten anbrechen und dass die Betroffenen dabei zufrieden sind.

 

Pflegekultur: Was ist daran verkehrt?
Weidmann:
Verkehrt ist es, in einigen Institutionen keine Wahl bezüglich der Wohnform zu haben und daraus folgend auch keine Informationen zu den Risiken und Nebenwirkungen von Einzelzimmern respektive Mehrbettzimmern zu erhalten. Je pflegeabhängiger ein Mensch ist, desto wichtiger ist meiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit den Risiken der Einsamkeit! Stellen sie sich die Nächte vor … Diese dauern in den meisten Fällen von 19:00 Uhr bis 08:00 Uhr und werden nur durchbrochen durch die Rundgänge einer PflegemitarbeiterIn, die in der Regel zwischen 30 und 40 andere MitbewohnerInnen zu betreuen hat. Tagsüber erfolgt dann der bereits erwähnte ausgeprägte Wechsel von Ruhe – Hochbetrieb – Ruhe …

Pflegekultur: Wie meinen Sie das?

Weidmann: Ich meine damit, man sollte damit beginnen, «Daheime» zu schaffen – und dazu eignen sich die Heimleitungen besonders.

 “Wer nach vorne blickt, kann nicht wissen, was zusammenhängt. Nur im Rückblick erscheint etwas logisch.” S. Jobs

Pflegekultur: Wie würden Sie das tun?

Weidmann: Ich stelle mir das folgendermassen vor: Ich würde vier BewohnerInnen von Einzelzimmern, deren Angehörige und die Pflegenden einer Wohneinheit einladen. Diese Gruppe würde ich zu einer Komplizenschaft im Sinne von unbürokratischer Zusammenarbeit ermutigen … Der Plan sähe dann wie folgt aus:

Wir untersuchen gemeinsam, ob die erhöhten Interaktionsmöglichkeiten einen Einfluss auf das «Daheimsein» haben:

  1. Die Komplizenschaft beginnt, wann immer möglich, mit BewohnerInnen, die sich über die Sprache mitteilen können.
  2. Je zwei der BewohnerInnen ziehen zusammen.
  3. Zwei Zimmer sind somit frei.
  4. Eines der freien Zimmer nutzen wir als Ferien- und Notfallpflegebett, das wir für die BewohnerInnen der Vertragsgemeinden bereit halten müssen (pssst: Komplizenschaft).
  5. Das zweite freie Einzelzimmer wird als Rückzugszimmer allen BewohnerInnen, Angehörigen und Pflegenden der Wohneinheit zur Verfügung gestellt. Die Kaffeemaschine ist frei zugänglich. Freiwillige Beiträge sind willkommen.
  6. Alle an der Komplizenschaft Beteiligen haben Zugang zu einer Plattform. Auf dieser können sie schreiben, reden und Videobotschaften hinterlegen.
  7. Die Komplizenschaft trifft sich.
  8. Fertig!

PS: Die Heimleitungen sind sicher, dass dies finanziell aufgehen wird, und wissen, wie sie allfällige Überschüsse in noch mehr «Daheimsein» investieren. Geschäftsführungen, die dies wegen des finanziellen Gewinns tun, scheitern in der Komplizenschaft!

 

Pflegekultur: Meinen Sie, das geht so einfach?

Weidmann: Ja und Nein, was in meinem Kopf funktioniert, ist nicht das, was in der Realität abläuft, weil Funktionieren immer mit den Anpassungen im jeweiligen Moment zusammenhängt!

Pflegekultur: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Bearbeitet und entwickelt in der Schreibwerksatt: Weidmann, Himmelberger

Kinaesthetics Demenzmodule

5 April 2024|0 Comments

Stärkung der Pflege mit Kinaesthetics Demenzmodulen - Lernen durch Berühren und Bewegen Das Alterswohnheim Hungacher hat sich 2019 dafür entschieden dem Personal jährlich die Teilnahme an einem den von European Kinaesthetics Assiationen entwickelten Demenzmodulen