Food-Blogger, Hightech-Pflege und die Philosophie der Zeit

Ja, dieser dritte Tag in China hatte es wahrlich in sich! Nach den beiden tief bewegenden Begegnungen in der ersten Klinik ging unsere Reise direkt weiter – und führte uns erst einmal zu einem kulinarischen Experiment.

Spitzenküche im TikTok-Gewitter

In einem modernen chinesischen Restaurant nahmen wir unser Mittagessen ein. Die Küchenbrigade dort hatte sich einer spannenden Herausforderung verschrieben: die traditionelle chinesische Küche mit westlichen Einflüssen zu fusionieren. Wie besonders dieser Ort war, merkten wir erst im Laufe der Zeit. Praktisch an jedem Nebentisch wurde jedes einzelne, kunstvoll aufgetischte Gericht mit modernster Smartphone-Technologie gefilmt und fotografiert, um direkt für TikTok und andere soziale Medien aufbereitet zu werden. Ein faszinierendes Schauspiel! Und das Essen? Absolut Spitzenklasse.

Das 2.000-Betten-Modell: Zwischen Hightech und Montessori

Frisch gestärkt ging es weiter zum nächsten offiziellen Programmpunkt: dem Besuch eines vom Staat als Vorzeigemodell errichteten Alters- und Pflegeheims. Auch hier sprengten die Dimensionen jede europäische Vorstellungskraft: über 2.000 Betten, inklusive eines eigenen, voll ausgestatteten Spitals innerhalb der Institution. Das Ganze war wunderschön in die Landschaft eingebettet, aber im Inneren digitalisiert in einer Art und Weise, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Chinesische Spitzentechnologie par excellence.
Wir wurden direkt von der Heimleitung empfangen und herumgeführt – und natürlich wurde uns als Delegation auch einiges stolz präsentiert. Was mich dabei im Demenzbereich ganz besonders überraschte und berührte: Diese riesige Institution greift in der Demenzarbeit ganz stark auf das Wissen und die Prinzipien von Maria Montessori zurück. Es gab einen riesigen Bereich, der vollgepackt war mit den klassischen Montessori-Materialien.
Auf meine Frage hin, ob man hier im Glauben arbeite, dass diese Beschäftigung die Demenz verlangsamen könne, bekam ich eine bemerkenswerte Antwort: Alle Mitarbeitenden seien strikt angewiesen, die Ergebnisse, die die Bewohner an den verschiedenen Stationen erarbeiten, genau so stehenzulassen, wie sie sind. Ohne Korrektur, ohne Bewertung und ohne Anpassung an irgendeine Norm. Das hat mich tief beeindruckt und beruhigt. Es zeigt einen großen Respekt vor der aktuellen Realität des Menschen.

Ein schmerzhafter Kontrast: Die Frage nach der Lebensqualität

Danach durften wir noch zwei verschiedene Demenz-Wohnbereiche besuchen. Vieles dort – von der Raumgestaltung bis hin zur Alltagsstruktur – erinnerte mich stark an die Konzepte, die wir auch in der Schweiz und in Europa umzusetzen versuchen.
Doch eine Beobachtung ließ mich schlucken und beschäftigt mich bis heute: In diesen Wohnbereichen waren auffallend viele Menschen über eine Nasensonde (PEG) ernährt. Hier stieß ich an eine spürbare Grenze im Pflegeverständnis:
Mein Eindruck war: Die Pflege in China scheint hier noch stark darauf ausgerichtet zu sein, dem Leben der Menschen mehr Tage zu geben – anstatt den Tagen mehr Leben zu ermöglichen.
Mit meinem Reisebegleiter habe ich mich an jenem Abend noch sehr lange und intensiv über diese Sonden-Thematik ausgetauscht. Das ist ein so tiefes, ethisches Feld, dass ich darüber vermutlich noch einen ganz separaten Blogartikel schreiben muss.
Der Tag war lang, die Eindrücke intensiv – und das war immer noch nicht alles. Uns standen an diesem Tag tatsächlich noch zwei weitere Besuche bevor. Aber darüber berichte ich euch im nächsten Blogbeitrag!