Geteilte Süßigkeiten und ein Transfer ohne Heben – Begegnung mit Frau Sanz

Nachdem Frau Oxa so erleichtert im Aufenthaltsraum Platz genommen hatte, ließen wir den Blick schweifen. Im selben Raum waren einige andere demenzbetroffene Menschen gerade dabei, mit einem Ball zu spielen. Mittendrin saß eine ältere Dame in einem einfachen Rollstuhl, die Füße starr auf den Fußrasten. Was meinem Reisebegleiter und mir sofort ins Auge sprang: Ihre Knie waren unnatürlich weit nach oben in die Luft gedrückt. Die Sitzposition war gelinde gesagt eine Katastrophe. Und genau diese Dame sollte unser nächster und letzter Besuch für diesen intensiven Tag werden.

Ein Geschenk des Vertrauens

Ich näherte mich ihr, verzichtete aber zunächst auf jede Berührung. Ich nutzte rein nonverbale Gestik: Ich trat vor sie hin, verbeugte mich immer wieder respektvoll und führte einladend meine Hände zusammen. Es dauerte nicht lange, da blickte sie mir direkt in die Augen und begann zu lächeln. Ich hockte mich vor sie hin und schenkte ihr dieses Lächeln zurück.
Was dann passierte, war von einer rührenden Selbstverständlichkeit: Auf ihrem Schoß stand ein Teller mit Süßigkeiten (oder einer anderen kleinen Knabberei). Sie griff kurzerhand hinein, suchte das größte Stück heraus und reichte es mir mit einem herzhaften Lachen. Reine, pure Kommunikation. In diesem Moment hatte ich das tiefe Gefühl: Wir verstehen uns ganz ohne Worte.

Das schädliche Heben und die Ohnmacht vor Ort

Die Pflegenden baten uns nun, ob wir uns den Transfer von Frau Sanz vom Rollstuhl ins Bett anschauen und optimieren könnten. Im Zimmer angekommen, bat ich die beiden zuständigen Pflegemitarbeiterinnen, mir zunächst zu zeigen, wie sie diesen Transfer im Alltag normalerweise gestalteten.
Die beiden taten, was sie gelernt hatten: Sie packten Frau Sanz gemeinsam an und hoben sie mit enormer körperlicher Anstrengung aus dem Stuhl, um sie ins Bett zu wuchten. Frau Sanz versuchte irgendwie mitzuhelfen, indem sie eine extreme Körperspannung aufbaute und blockierte. Das Ganze mitanzusehen, irritierte die mitgereiste Delegation spürbar. Und ich? Ich war im ersten Moment schlichtweg herausgefordert. Was sollte ich hier in der Kürze der Zeit bewirken? Wie sollte ich den Pflegenden und Frau Sanz helfen, diese komplexe, für beide Seiten schädliche Situation so zu verändern, dass dieses Heben und Tragen aufhört?
Unsere Übersetzerin hatte in den nächsten Minuten alle Hände voll zu tun, denn ich brauchte sofort Informationen über die Umgebung. Das Problem: Der Rollstuhl war wie aus einem Guss – man konnte weder Armlehnen noch Seitenteile demontieren. Ein tiefer, gleitender Transfer, zum Beispiel mit einem Rutschbrett, war rein technisch unmöglich.

Das Gehtraining im Sitzen greift

Wir mussten also improvisieren und nach einer anderen Lösung suchen. Und Frau Sanz überraschte uns alle: Sie begriff blitzschnell! Ich zeigte ihr, wie sie mit ihrer Hand an die gegenüberliegende Armlehne greifen konnte. Schritt für Schritt erarbeiteten wir gemeinsam eine Gewichtsverlagerung nach vorne, um den Hintern aus dem Rollstuhl zu bekommen.
Dabei blühte Frau Sanz förmlich auf! Als sie den Transfer auf diese Weise – mit unserer bloßen Begleitung statt Muskelkraft – zweimal hintereinander erfolgreich gemeistert hatte, strahlte sie über das ganze Gesicht und klatschte begeistert in die Hände.

Lernen an der Basis

Was mich an diesem Nachmittag aber am allermeisten beeindruckt und bewegt hat, war die Reaktion der beiden Pflegemitarbeiterinnen. Sie waren unglaublich interessiert. Wir spielten die neue Transferidee im Anschluss zu dritt nach. Die beiden schlüpften selbst in die Rolle der Patientin, um am eigenen Körper nachzuvollziehen, was es bedeutet, Gewicht effektiv zu verlagern, einen Transfer in einzelne, logische Schritte zu unterteilen und die Mitbeteiligung des Gegenübers nicht zu erzwingen, sondern geduldig darauf zu warten.
Diese beiden Frauen waren die absolute Basis dieses Demenz-Wohnbereichs. Zwei Pflegende, die jeden Tag an vorderster Front stehen und – genau wie bei uns in der Schweiz – täglich enorme Herausforderungen meistern müssen. Ihr echtes Interesse und ihre sofortige Bereitschaft, sich auf dieses gemeinsame Lernen einzulassen, waren für mich das schönste Geschenk dieses Tages.
Der anschließende Fototermin war natürlich, wie immer in China, ein aufwendig inszeniertes Spektakel. Leider fehlten ausgerechnet die beiden Frauen darauf – sie mussten vermutlich direkt weiterarbeiten, um die nächsten Klingeln zu beantworten. Aber in meinem Herzen und in meiner fachlichen Anerkennung haben sie den Ehrenplatz auf diesem Foto sicher.
Ausblick auf den nächsten Beitrag: Hinter uns lag nun ein Marathon an klinischen Eindrücken. Doch der eigentliche Grund unserer Reise stand unmittelbar bevor: Am nächsten Morgen öffneten sich die Türen für unseren ersten Kinaesthetics-Grundkurs in Hangzhou. Wie die chinesischen Fachkräfte reagierten, als sie plötzlich selbst wieder die Schulbank drücken und ihren eigenen Körper neu entdecken durften, erfahrt ihr im nächsten Teil!