„Ich bin das Gesundheitswesen“ – Nacken-Anekdoten und Kinaesthetics in Peking

Nach unserer Ankunft in der geschichtsträchtigen Hauptstadt Peking hieß es am nächsten Morgen: Ärmel hochkrempeln! Heute stand die große Fachtagung auf dem Programm. Das Ziel des Kongresses war ambitioniert: Es ging darum, wie man das Gesundheitswesen in China fit für die Zukunft machen kann. Mein Reisebegleiter und ich durften hier als Referenten auftreten und am Nachmittag zwei Praxis-Workshops leiten.

Die Metro-Beobachtung: Ein Volk im Starrezustand

Unser Tag begann früh mit der Fahrt in der Pekinger Metro. Wie immer im morgendlichen Berufsverkehr drängten sich unzählige Menschen in den Wagen. Als ich so dasaß und mich im Abteil umschaute, fiel mir plötzlich ein skurriles Bild auf: Gefühlt 99 % der Menschen starrten wie gebannt auf ihr Smartphone. Ihre Köpfe verharren dabei über endlose Zeiträume in einer völlig unbewegten, starren Position gegenüber dem Bildschirm.
Nur zwei Fahrgäste hatten kein Handy in der Hand. Bei ihnen konnte ich beobachten, wie sie mit ihren Augen und dem Kopf fortlaufend den Bewegungen innerhalb des Zuges folgten. Das war mein kinaesthetischer Schlüsselmoment für den Tag! Spontan beschloss ich, genau diese Alltagsbeobachtung in mein bevorstehendes Referat zum Thema Prävention einzubauen.

Historischer Boden und die gigantische Welle der Überalterung

Als wir an unserem Zielort ankamen, staunte ich einmal mehr über die gewaltigen Dimensionen Chinas. Vor uns stand eine riesige Alterseinrichtung mitten in der Stadt. Man erklärte uns, dass diese Institution aus einer prestigeträchtigen Kooperation des französischen und des chinesischen Staates entstanden ist – eingeweiht von Präsident Macron und Xi Jinping persönlich. Wir bewegten uns hier also auf historischem, politischem Parkett.
Die Tagung begann mit Vorträgen chinesischer Fachleute, welche die Überalterung der Gesellschaft in all ihren dramatischen Facetten thematisierten. Es wurde betont, wie wichtig ein wertschätzender und respektvoller Umgang mit betagten Menschen ist – wobei auch hier die Finanzierung die ganz große Nuss ist, die es zu knacken gilt. Wenn ich die gezeigten Folien richtig interpretierte, rollt in den nächsten zehn Jahren, wenn der Höchststand der Überalterung erreicht ist, eine gigantische Welle auf das Land zu. Die Kernfrage lautet: Wie garantiert man all diesen Menschen dann noch Lebensqualität?

Vom großen System zum einzelnen Individuum

Bevor ich an der Reihe war, hielt mein Reisebegleiter ein spannendes Referat darüber, wie das Gesundheitswesen in der Schweiz aufgebaut ist und vor welchen Herausforderungen wir bei uns stehen.
Als letzter Redner bekam schließlich ich das Wort. Nach all den theoretischen Vorträgen über riesige Pflegesysteme wollte ich den Fokus radikal auf das Individuum lenken – auf die einzelne Person und deren ganz persönliche Prävention. Mein Kernsatz lautete: „Ich bin das Gesundheitswesen.“
Ich erzählte dem Publikum von meiner Beobachtung am Morgen in der U-Bahn und stellte meine Hypothese auf: Diese stundenlange Unbewegtheit der Halswirbelsäule wird unweigerlich zu massiven Nackenbeschwerden in der Bevölkerung und somit zu explodierenden Gesundheitskosten führen. Meine Idee: Eine Prävention, die schon ganz früh über die eigene Körpererfahrung ansetzt.
Und dann bat ich die 130 Zuhörer im Saal um ein kleines Experiment:
• „Bitte bewegen Sie jetzt alle Ihren Kopf – aber Achtung: Bewegen Sie den Kopf, nicht den Hals!“ Wie immer blickte ich erst in irritierte Gesichter.
• Kurz darauf löste ich auf: „Und jetzt bewegen Sie bitte Ihren Hals – aber nicht den Kopf!“
Ein herzhaftes Lachen erfüllte augenblicklich den ganzen Raum. Diese simple, irritierende Erfahrung hatte das Eis gebrochen und alle neugierig gemacht. Aus der Kinaesthetics-Perspektive von Massen und Zwischenräumen konnte ich den Teilnehmenden so eine ganz kurze, knackige Anleitung geben, wie sie den Zwischenraum in ihrer eigenen Bewegung erforschen können. Es war großartig zu sehen, wie konzentriert die Leute mitmachten und plötzlich ganz bei sich selbst und ihrem Körper waren.

Bewegen statt Heben

Im zweiten Teil meines Vortrags sprach ich die Gesundheitsschäden bei den Pflegenden an. Mit einer einfachen Erfahrungs-Übung – dem Transfer vom Sitzen zum Stehen – verdeutlichte ich im Saal, wie schnell ungesundes Gewichtverlagern rein über die eigene Muskelkraft passiert. Und was es im Gegensatz dazu bedeutet, wenn man sich achtsam auf die eigene Bewegung konzentriert und dem Gegenüber hilft, sein Gewicht fließen zu lassen. Unser Kinaesthetics-Dauerbrenner „Bewegen statt Heben“ hätte hier nicht besser passen können.
Beim anschließenden Mittagessen hatte ich das Vergnügen, mich mit den anderen Referenten auszutauschen. Das war sprachlich und kulturell zwar nicht ganz einfach, aber geprägt von einer tiefen, gegenseitigen Wertschätzung für die Arbeit des anderen.

Ein bewegter Ausklang

Am Nachmittag folgten unsere beiden Praxis-Workshops, die mit jeweils etwa 30 Personen gut besucht waren. Die Teilnehmenden kamen aus den verschiedensten Fachbereichen und arbeiteten extrem interessiert mit.
• Im ersten Workshop vertieften wir das Thema, wie man alltägliche Aktivitäten gesundheitsfördernd gestalten kann.
• Im zweiten Workshop ging es ganz konkret um das brennende Thema Sturzprävention.
Das war wieder ein unglaublich bewegter Tag mit fantastischen Begegnungen auf Augenhöhe. Mit einer tiefen, gesunden und rundum zufriedenen Müdigkeit ging dieser intensive Tag in Peking zu Ende. Abends belohnten wir uns noch mit einem traditionellen, herrlich süßsauren Essen.
Ausblick auf den nächsten Beitrag: Die Fachtagung liegt hinter uns, doch Peking hält noch mehr bereit.