Mehr als nur ein Job: Erich Weidmann blickt auf 3 ½ Jahre leben im Demenz Wohnbereich  zurück

Dreieinhalb Jahre lang hast du, Erich Weidmann, mit Engagement und Herzblut – gemeinsam mit einer Kollegin – einen geschützten Palliativ-Wohnbereich geleitet und geprägt. Nun steht deine Teil – Pensionierung bevor. Ein guter Zeitpunkt, um mit dir auf eine intensive und bedeutsame Phase deines Berufslebens zurückzublicken und mehr über deine Motivation zu erfahren.

Corona – Change Maker

Erich, viele Menschen planen mit über 60 den Ruhestand oder ruhigere Tätigkeiten. Du hingegen bist noch einmal an die Pflegebasis zurückgekehrt. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

Das ist tatsächlich eine längere Geschichte, aber du vermutest richtig: Die Corona-Pandemie spielte dabei eine entscheidende Rolle. Lass mich kurz ausholen: Mit 20 begann ich meine Ausbildung zum Pflegefachmann. Der damalige Personalengpass führte mich schon kurz nach dem Abschluss in Führungspositionen und später in die Bereichsleitung. Im Jahr 2000 machte ich mich dann als Kinaesthetics-Trainer und Ausbilder selbstständig, wodurch ich wieder näher an der Pflegebasis war und die Sorgen und Nöte der Pflegenden hautnah miterlebte. Ich habe sogar etwa alle fünf Jahre ein “Selbstpraktikum” gemacht, bei dem ich zwei bis vier Wochen in einem Pflegeheim gearbeitet habe.

Corona brachte mich dann dazu, mich kurz entschlossen sofort zum Dienst zu melden, und so habe ich über Monate als Pflegehelfer gearbeitet. Das hat mir den “Ärmel reingezogen” und mit 60 Jahren habe ich mich entschieden, meine Selbstständigkeit zu reduzieren und stattdessen in einem Teilpensum wieder zurück in die direkte Pflege zu gehen.

Erich, dein Weg zurück an die Pflegebasis ist wirklich bemerkenswert. Du sprachst davon, dass dir die Arbeit als Pflegehelfer während Corona “den Ärmel reingezogen” hat. Kannst du das genauer erklären? Was genau hat diese Erfahrung in dir bewirkt, dass du dich entschieden hast, im Pensionsalter noch einmal beruflich umzusatteln?

Die Zeit während Corona war für die Pflege eine besondere Herausforderung. Angehörige, Therapeuten und viele andere Dienste waren nicht vor Ort, sodass die Pflege in einer möglichst ganzheitlichen Art und Weise auf die Bewohner eingehen musste – oder durfte. Dabei stellte ich fest, dass viel Freiraum vorhanden war, den man meiner Meinung nach noch besser hätte nutzen können. Ich war wirklich begeistert von allen Begegnungen, die ich sowohl mit Bewohnern als auch mit Pflegenden erleben durfte.

Freiräume

Das klingt nach einer sehr prägenden Erfahrung. Du hast diesen Freiraum angesprochen und die Möglichkeit, noch ganzheitlicher auf die Bewohner einzugehen. War es genau dieser Aspekt – die Rückkehr zu einer sehr direkten, menschlichen Pflege –, der dich letztendlich zum geschützten Wohnbereich geführt hat, oder gab es noch andere Motivationen, sich gerade diesem anspruchsvollen Bereich zu widmen?

Genau dieser geschützte Wohnbereich und die aus meiner Sicht vorhandenen Freiräume haben mich dazu veranlasst, über eine Rückkehr an die Pflegebasis nachzudenken. Da mich dieser Gedanke nicht mehr losließ, begann ich, auf Stellenausschreibungen zu achten. Dabei war mir klar, dass es eine Führungsfunktion sein musste. Bei einer ersten Bewerbung war es für die Institution undenkbar, dass dies mit einem 50%-Pensum funktionieren würde. Von meiner Seite war dies jedoch eine Bedingung. Als mich dann die Pflegedienstleitung des Lindenfelds ansprach und mir das Angebot machte, die Führung in genau jenem Wohnbereich zu übernehmen, in dem ich so viel Leidenschaft für die Pflege entdeckt hatte, war für mich alles klar.

Das klingt, als ob sich hier der Kreis für dich geschlossen hat. Es ist beeindruckend, wie klar du deine Bedingungen formuliert und letztlich die passende Position gefunden hast. Welche spezifischen Herausforderungen oder auch besonderen Freuden begegneten dir in der Leitung dieses geschützten Palliativ-Wohnbereichs, die du vielleicht aus früheren Führungspositionen in der Pflege so nicht kanntest?

Es war so, dass ich in einer Führungsrolle mit einem Kollegen war. Er kümmerte sich hauptsächlich um die Administration, während ich mich um die Ausrichtung der Abteilung auf das bestehende Konzept kümmerte. Die gesamte Institution war in einem Prozess, der das Wohnen und Leben in den Vordergrund rückte. Im geschützten Demenz-Wohnbereich gab es weitere Konzepte, die das Wohnen und Leben stärken sollten.

Meine Herausforderung war es, gemeinsam mit dem Team zu lernen, was das im Alltag bedeutet. So wurde es mir wichtig, dass alle Mitarbeitenden den Menschen in allen Interaktionen in den Mittelpunkt stellten, dass wir konsequent bewusst sind, dass Menschen sich fortlaufend entwickeln und somit jedes Verhalten erlernt und verlernt werden kann. Weiter war es mir wichtig, dass wir alle den Kontakt zu den Angehörigen aufnehmen und aufrechterhalten.

Individuelle Lernumgebung

Das klingt nach einer sehr tiefgreifenden und menschenzentrierten Herangehensweise. Wie hast du es geschafft, dein Team für diese Philosophie des fortlaufenden Lernens und der Entwicklung – sowohl bei den Bewohnern als auch bei den Mitarbeitenden selbst – zu begeistern und sie in den täglichen Abläufen zu verankern?

Als Kinästhetik-Trainer war mir von Anfang an bewusst, dass meine Mitarbeitenden Unterstützung brauchen, um die eigene Bewegung in den Interaktionen als etwas Wichtiges zu erkennen und wahrzunehmen. Das führte dazu, dass ich als fachlicher Leiter sehr oft selbst in der Pflege mitarbeitete.

Ich vermute, dass ich während dieser Zeit viele individuelle Lerneinheiten mit meinen Mitarbeiterinnen gestalten konnte und sie gleichzeitig mein Verhalten gegenüber den Bewohnern beobachten konnten. Dabei war es vielleicht besonders wichtig, dass ich mich da und dort über zu starke Behandlungs- und Abhandlungsparadigmen hinwegsetzte. Dies zeigte sich vor allem in der Körperpflege, bei der ich, insbesondere bei Demenzbetroffenen, oft sehr unkonventionelle Wege gesucht und mehr und mehr gefunden habe. Gleichzeitig nutzten wir Teamgespräche und die Jahresziele, um als Team immer wieder neue Ideen zu entwickeln. Zu Beginn verursachte dies einiges an Verunsicherung, aber schon bald entdeckten die meisten im Team, dass diese suchende und auf ein Ziel ausgerichtete Arbeitsweise viele interessante Entdeckungen ermöglicht.

Nach Schule, geht in der Schule

Es klingt, als hättest du durch deine direkte Mitarbeit und deinen unkonventionellen Ansatz einen wichtigen Kulturwandel im Team angestoßen. Kannst du uns ein konkretes Beispiel für eine solche “unkonventionelle” Herangehensweise geben, die zu positiven Entdeckungen geführt hat?

Der Kulturwandel braucht seine Zeit und erfordert bis heute immer wieder die Konzentration auf das Wohnen und Leben. Die Herausforderung im pflegerischen Alltag besteht sozusagen darin, fortlaufend die Unterscheidung zwischen einem Behandlungs- und einem Lernparadigma zu erkennen. Es geht darum, sich immer wieder auf den Menschen zu fokussieren und sich die Frage zu stellen: “Was braucht er und ich in dieser Situation?” Das hilft, die Lebensqualität im Moment und auch morgen zu erhalten oder zu verbessern.

Eine unkonventionelle Herangehensweise kann dabei sein, dass ich zusammen mit einem demenzbetroffenen Menschen die Körperpflege gestalte. Anstatt schulmeisterlicher Vorschriften mit verschiedenen Becken und Frottiertüchern nehme ich einen Einmalwaschlappen. Im Badezimmer suche ich dann Schritt für Schritt, wie ich dem Demenzbetroffenen helfen kann, die Morgentoilette zu verrichten oder – was in unserem Bereich oft vorkam – die Morgentoilette so zuzulassen, dass weniger oder keine Überforderung in dieser Aktivität entsteht. Eine weitere unkonventionelle Art würde ich darin sehen, dass alle Mitarbeitenden im Team Freiraum haben, den sie selbstverantwortlich gestalten und verantworten.

Das sind konkrete und anschauliche Beispiele für eine menschenzentrierte Pflege. Der Freiraum für die Mitarbeitenden und die damit verbundene Eigenverantwortung sind ebenfalls spannende Aspekte. Wie hast du es geschafft, dieses Maß an Autonomie im Team zu etablieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Qualität der Pflege und die Einhaltung wichtiger Standards gewährleistet blieben?

Da muss ich zuerst einmal feststellen, dass wir in der Pflege wirklich gewisse Standards haben, von denen wir glauben, dass dabei keine Fehler gemacht werden dürfen. Diese betreffen vor allem die Behandlungspflege, die mess- und abhandelbar ist. Gleichzeitig wissen wir, dass gerade in der Betreuung von Demenzbetroffenen die weichen Faktoren von wesentlich höherer Wichtigkeit sind, um diesen Menschen eine Umgebung zu gestalten, in der sie sich wohlfühlen.

Darum war es für mich immer wieder wichtig, Fehler auf der Behandlungsseite nicht zu stark zu gewichten. So konnte ich auch nach und nach die Angst der Mitarbeiterinnen im Team, Fehler zu machen, nehmen. Aber noch viel wichtiger ist die Tatsache, dass wir alle einander helfen, Fehler frühzeitig zu erkennen.

Gleichzeitig ist das Team jedoch auch bereit darüber nachzudenken, was den einzelnen Bewohnern fehlt, wenn sich ihr Verhalten in Richtung mehr Abhängigkeit oder mehr Destruktion verändert. Die Bereitschaft, diese fehlenden Teile zu suchen und da und dort zu finden, ist meiner Meinung nach ein Standard, den man nicht “setzen” kann, im Alltag und in den Interaktionen jedoch beobachten kann.

Analysieren, analysieren

Das ist eine sehr differenzierte Betrachtung von Standards und Fehlern in der Pflege. Du legst den Fokus stark auf das Erkennen von Bedürfnissen und die fortlaufende Anpassung. Kannst du ein konkretes Beispiel dafür geben, wie dein Team gemeinsam ein “fehlendes Teil” bei einem Bewohner gefunden und dadurch eine positive Veränderung bewirkt hat?

Grundsätzlich ist es so, dass dies überhaupt nicht einfach ist und nichts Stabiles. Ich muss festhalten, dass ich nach einem Jahr die zusätzliche Unterstützung einer Kollegin bekam, die mich unterstützte und gleichzeitig einen hohen personenzentrierten Ansatz im Team mitvertrat. Dies ermöglichte dem Team noch mehr Sicherheit, um im Pflegealltag gestalterisch unterwegs zu sein.

Bei einer Bewohnerin haben wir zum Beispiel entdeckt, dass Interaktionen, bei denen wir sie zum Laufen anregten oder brachten, nicht zielführend waren. Sie reagierte mit hoher Körperspannung und destruktivem Verhalten. Bald merkten wir, dass sie in tieferen Positionen Interaktionen brauchte, bei denen sie selbst wirksam sein kann oder zumindest die von uns unterstützten Bewegungen in sich selbst nachvollziehen konnte. So hat diese Frau wieder zu sich gefunden und zeigt heute ein wesentlich ausgeglicheneres Verhalten und lässt Pflege und Betreuung zu.

In einem anderen Beispiel haben wir bei einem Bewohner entdeckt, dass wir in jeder Interaktion eine Chance haben, auf seine Reaktion zu warten und ihn in der Aktivität mitzubeteiligen. Dies führte dazu, dass er seine allgemein hohe Körperspannung wieder wesentlich differenzierter regulieren konnte und so auch alltägliche Aktivitäten mitgestalten oder sogar übernehmen kann.

Pflege ist das was in der Interaktion gestaltet wird

Diese Beispiele zeigen eindrücklich, wie ihr durch genaues Beobachten und angepasste Interaktionen die Lebensqualität der Bewohner verbessern konntet. Wenn du nun auf deine Zeit im Geschützen Wohnbereich zurückblickst, welche Botschaft oder Erkenntnis möchtest du angehenden oder auch erfahrenen Pflegefachpersonen mit auf den Weg geben, die in diesem anspruchsvollen, aber auch so bedeutsamen Bereich tätig sind?

Pflege ist ein wunderbarer Beruf mit unglaublich vielen Facetten. Im geschützten Wohnbereich geht es tatsächlich auch ums “Hintern abwischen” und viele andere ganz normale alltägliche Aktivitäten, bei denen wir Menschen unterstützen. Das Verrückte daran – und das möchte ich Pflegenden wirklich mit auf den Weg geben – ist, dass genau diese Aktivitäten viel Kompetenz brauchen, um sie mit dem Gegenüber zu gestalten. Den Betroffen so miteinzubeziehen, dass er sich gehört, verstanden und angenommen erfährt.

Das  unser übergeordnetes System so aufgebaut, dass die am besten ausgebildeten Pflegenden in vielen Bereichen “vom Bett weg” befördert werden, ist dabei für Alle herausfordernd. Ich wage ernsthaft zu bezweifeln, ob die Arbeiten, die Fachkräfte dann tun, wirklich so viel Wirkung auf kranke und beeinträchtigte Menschen haben, wie die vielen Interaktionen, die ein abhängiger Mensch in den alltäglichen Aktivitäten erlebt. Noch mehr bezweifle ich, dass die Arbeiten, die nicht direkt am Bewohner ausgeführt werden, schwieriger sein sollen als die Arbeit mit dem Bewohner. Das System ist so ausgelegt, dass Pflegemitarbeiterinnen mit eher weniger Ausbildung den schwierigeren Teil der Unterstützung in alltäglichen Aktivitäten gestalten.

Ich bin dankbar und froh, in den vergangenen dreieinhalb Jahren die enorme Entwicklung dieser Mitarbeiterinnen beobachten zu dürfen. Dass sich jetzt einzelne dieser Mitarbeiterinnen trauen, sich eine Ausbildung in der Pflege vorzustellen, freut mich besonders.

Darüber hinaus stelle ich auch fest, dass Leitsätze und Konzepte immer wieder in den Vordergrund gerückt werden müssen. Diese Aufgabe liegt meiner Meinung nach bei den Pflegefachpersonen. Sie müssen in den alltäglichen Aktivitäten das Personenzentrierte und das suchen nach  Selbstwirksamkeit vorleben, an Sitzungen und Rapporten begründen und in Form von gemeinsamer Arbeit an Jahreszielen fortlaufend weiterentwickeln.

Erich, deine Ausführungen sind eine starke Botschaft an die Pflegebranche. Du plädierst für eine Neubewertung der direkten Pflege und betonst die entscheidende Rolle der Pflegefachpersonen bei der Verankerung einer personenzentrierten Haltung. Wenn du nun in den Ruhestand trittst, was wünschst du dir für die Zukunft der Pflege und für die Menschen, die diesen Beruf leben?

Ich wünsche den Pflegenden, und natürlich vor allem meinem Team und meiner Kollegin, die die Arbeit jetzt weiterführt, dass das Wohnen und Leben weiter im Mittelpunkt stehen kann. Dazu braucht es immer wieder von Neuem den Mut, das Leben generell als etwas anzusehen, welches davon lebt, dass es manchmal auch gefährlich sein kann. Ich weiß, dass wir darin schon viel geübter sind und wir alle einander mehr zutrauen.

Diesen Weg des Suchens und des Findens, gepaart mit der Profession, das Behandlungsparadigma und das Lern- und Entwicklungsparadigma möglichst passend einzusetzen, wünsche ich dem geschützten Wohnbereich und allen Pflegenden.

Erich, du beendest nun eine sehr intensive und prägende Phase deiner Karriere in der direkten Pflege. Gleichzeitig bleibt deine Rolle als Kinaesthetics-Trainer und deine Mission, Menschen zur Selbstwirksamkeit zu verhelfen, bestehen. Welchen letzten Gedanken oder welche abschließende Botschaft möchtest du sowohl den Lesern dieses Artikels als auch allen in der Pflege tätigen Menschen mit auf den Weg geben, wenn du nun diese Reise beendest und dich auf neue Horizonte freust?

Erfahrungsphase weiter entwickeln

Eine Reise geht für mich zu Ende, nämlich jene, in der ich direkt in der Pflege mitgestaltet und mitgeführt habe. Die Reise als Kinaesthetics-Trainer und viele neue Reisen gehen über meine Pensionierung hinaus; ich werde weiterhin mit Leidenschaft Kinaesthetics-Ausbildungen gestalten. Wer weiß, da und dort könnte ich mir vorstellen, wieder am Pflegebett zu stehen, um auch dann erneut zu entdecken und zu suchen, wie die Unterstützung in alltäglichen Aktivitäten dazu beitragen kann, dass Menschen sich selbst wirksam erfahren, ihre Ressourcen entwickeln, sich wertgeschätzt fühlen und sich selbst Wert geben können. Ich freue mich auf jede weitere Begegnung.

Danke für das Gespräch