Schreie, die bewegen: Ein Blick hinter die Fassade Teil 1
Manche Situationen im Pflegealltag fordern uns bis aufs Äußerste heraus. Besonders, wenn ein Mensch mit lauten Rufen und Schreien seinen Zustand kundtut. Kürzlich wurde ich um Rat gebeten, weil eine Bewohnerin, Frau Hug, seit Tagen mit sehr starker Energie laut ruft und zuweilen sogar in Schreien abdriftet. Diese Situation belastete den gesamten Wohnbereich enorm.
Wenn die Dringlichkeit spürbar wird
Schon beim Aussteigen aus dem Auto war Frau Hugs Rufen deutlich zu hören. Es wurde mir sofort klar, warum die Anfrage so einen dringlichen Charakter hatte. Kennen Sie diese Erfahrung auch, dass Sie ein anderes Lebewesen am liebsten mit einem Knopf für einen Moment abstellen könnten? Diese – verständliche – Erwartung nahm ich wahr, als mir die Wohnbereichsleitung die Geschichte zu schildern begann.
Frau Hug ist seit über fünf Jahren hier zuhause. Trotz ihrer schweren Sehbehinderung, chronischer Schizophrenie und einer vermuteten Demenz konnte sie ihren Alltag bisher gestalten. Jetzt jedoch schien alles zu scheitern: Sie kam nicht zur Ruhe, verweigerte die Pflege und war ununterbrochen am Rufen und Schreien. Ich erfuhr auch mehr über ihre aktuelle Medikation und die Herausforderungen, die diese Situation für die Mitbewohner und das Pflegeteam mit sich brachte.
Die Suche nach der Schlüsselstelle
Vor der Teamsitzung lernte ich Frau Hug kennen. Sie saß in einem Rollstuhl, ein Hemi-Tisch verhinderte das Aufstehen und teilweise das Nach-vorne-Beugen. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass Frau Hug zuvor zweimal auf dem Boden aufgefunden wurde. Der Tisch diente also ihrer Sicherheit. Doch ich fragte mich: Was ist die Schlüsselstelle in dieser Situation? Wie können wir uns ihrer Erfahrung annähern? Wie können wir in diesem Verhalten das „Sinnvolle, Produktive“ und im Moment nicht Veränderbare entdecken?
Eine ungewöhnliche Annäherung: Nachspielen
Um eine tiefere Einsicht zu gewinnen, entschied ich mich für einen ungewöhnlichen Ansatz: das Nachspielen. Ich setzte mich auf den freien Stuhl im Zimmer und positionierte meine Körperteile so, wie es Frau Hug tat. Ich beobachtete, was ich in mir spürte – Druckunterschiede, wie sich kleine Bewegungen in Zeit, Raum und Anstrengung gestalten ließen, wie mein Gewicht sich verlagerte. Ich bemerkte, dass Frau Hug sich nur wenig verändern konnte und viel Gewicht über den Rücken abgab, zuweilen sogar, indem sie die Füße stark in die Fußrasten drückte.
Ich traute mich fast nicht, so laut zu rufen wie Frau Hug, doch ich erhob im gleichen Rhythmus meine Stimme. Sofort spürte ich, wie viele Unterschiede dies in mir produzierte.
Eine erste Hypothese entstand: Frau Hug erzeugt Unterschiede, die in der Bewegung nicht möglich sind, und durchbricht gleichzeitig eine ohnmächtige Stille.
Kommunikation jenseits der Worte
Im nächsten Schritt berührte ich ihre Hand und bat sie, diese mit einem Impuls und den passenden Worten zu heben. Das Vibrieren der Stimme wurde leiser, und ich merkte, wie sie die Hand hob. Behutsam löste ich den bewegungseinschränkenden Hemiplegie-Tisch und zog ihn weg. Ich berührte ihren Fuß und bat sie mit Impuls und Sprache, das Bein anzuheben. Sie tat es. Wieder veränderte sich ihr permanentes, vibrierendes Rufen.
So entstand eine zweite Hypothese: Die Kommunikation mit Frau Hug führt über achtsames Berühren und Bewegen. Die Stimme hilft, wenn sie nicht im Widerspruch zur Kommunikationsebene Berühren und Bewegen steht (Double Bind).
Diese Erfahrung hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, hinter das vordergründige Verhalten zu blicken und neue Wege der Kommunikation zu finden, auch wenn es auf den ersten Blick aussichtslos erscheint. Manchmal ist das “Schreien” ein Hilferuf, eine Form der Selbstregulation oder ein Ausdruck von etwas, das wir noch nicht verstanden haben. Es erfordert Mut, Empathie und die Bereitschaft, sich auf die Welt des anderen einzulassen.
Erich Weidmann, Juni 2025
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