Sich ins Spiel bringen: Was uns der Film „Frank & Louis“ über Demenz, Grenzen und die Kraft der Beziehungsgestaltung lehrt
Wie das Leben manchmal spielt: Durch eine ganz spezielle Begegnung wurde ich darauf aufmerksam, dass am heutigen Tag des Kinos in Schöftland der neue Film von Petra Volpe, Frank & Louis (2026), zu sehen ist. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Schon Volpes vorheriger Film Heldin hatte einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, und dieses neue Werk widmet sich einem Thema, das mein gesamtes berufliches Leben geprägt hat: der Demenz.
Als ich im Kinosaal saß und die ersten Bilder sah, war ich augenblicklich gefesselt. Der Film beginnt mit eindrücklichen Szenen aus einem amerikanischen Gefängnis. Häftlinge bekommen dort die Möglichkeit, sich um demenzerkrankte Mitgefangene zu kümmern – ein Szenario, das auf dem realen kalifornischen „Gold Coats“-Programm basiert. Und während ich die Geschichte von Frank (gespielt von Kingsley Ben-Adir) und Louis (Rob Morgan) verfolgte, zog vor meinem inneren Auge meine eigene, über 40-jährige Reise als Pflegefachmann vorbei.
40 Jahre Pflege: Die Evolution unseres Blicks auf das „Beharren“
Ich habe meine Ausbildung zum Pflegefachmann im Jahr 1982 begonnen. Ab 1985 war ich bis zu meiner Pensionierung immer wieder in Interaktionen mit Menschen, die an einer Demenz erkrankt waren und – trotz aller Einschränkungen – beharrlich auf ihrer Autonomie bestanden.
Wenn ich zurückblicke, ist es faszinierend und beschämend zugleich, wie wir im professionellen Alltag mit diesem Beharren umgegangen sind und wie sich unsere Sprache im Laufe der Jahrzehnte verändert hat:
- In den 1980er-Jahren nannten wir dieses Beharren schlicht „aggressives Verhalten“.
- Später sprachen wir distanzierter von „herausforderndem Verhalten“.
- Dann wurde es sprachlich abgemildert zu „verhaltensoriginell“ oder „bedarfsorientiert“.
- Heute ist mein persönliches Verständnis bei einem Begriff angekommen, der die Dynamik dorthin verlagert, wo sie gehört – in die Beziehung: „mich überforderndes Verhalten“.
Diese sprachliche Evolution spiegelt einen tiefen Paradigmenwechsel wider. Wenn wir ein Verhalten als „aggressiv“ oder „herausfordernd“ abstempeln, machen wir das Problem zum exklusiven Eigentum des Erkrankten. Sagen wir hingegen „mich überforderndes Verhalten“, gestehen wir ein: Hier prallen zwei Welten aufeinander, und die Überforderung entsteht in der Interaktion, in der Resonanz zwischen mir und meinem Gegenüber.
Diese Erkenntnis schlägt eine direkte Brücke zu einer modernen, leibphänomenologischen Perspektive, wie sie beispielsweise der Philosoph Thomas Fuchs beschreibt. Fuchs kritisiert das klassische, rein kognitive Personenverständnis der westlichen Kultur, das Personsein ausschließlich an Kognition, Rationalität und das autobiografische Gedächtnis knüpft. Ein solches Verständnis stigmatisiert demenzbetroffene Menschen zutiefst und stempelt sie in fortgeschrittenen Stadien zu bloßen „Quasi-Personen“ ab.
Dem setzt Fuchs das Konzept der Leiblichkeit und des Leibgedächtnisses entgegen: Selbst wenn das Verstandesgedächtnis zerfällt, bleibt das „Selbst-als-Subjekt“ – ein leiblich gespürtes, präreflexives Selbsterleben – erhalten. Der Mensch spürt sich, seine Grenzen, seine Würde und sein Bedürfnis nach Selbstbestätigung weiterhin im Hier und Jetzt. Das Beharren auf Autonomie ist kein sinnloses „Symptom“ einer Krankheit, sondern der leibliche Kampf einer Person um ihre Existenz, Anerkennung und Selbstbehauptung.
Die Schlüsselszene: Selbstkränkung und die Entscheidung zur Hingabe
Im Film wird Frank dem schwer an Alzheimer erkrankten Louis zugeteilt. Louis begegnet ihm auf Anhieb mit einer enormen, paranoiden Ablehnung. Ein routinierter Demenzbegleiter gibt Frank daraufhin einen Rat, der so einfach klingt und doch so schwer umzusetzen ist: Nimm diese Ablehnung niemals persönlich.
Jeder, der jemals in der Pflege gearbeitet hat, weiß: Das ist im Alltag leichter gesagt als gelebt. Es bedeutet, tagtäglich mit der eigenen Selbstkränkung umzugehen. Wenn ein Mensch, dem man helfen möchte, einen wegstößt, tut das weh. Doch wenn wir verstehen, dass diese Ablehnung oft ein Ausdruck von Desorientierung, Angst und einer leiblichen Schutzreaktion bei erhöhter Muskelspannung ist, können wir lernen, unsere eigene Körperspannung zurückzunehmen, um die Situation zu deeskalieren.
Eine absolute Schlüsselszene im Film ist für mich der Moment, als der Mitgefangene Julian (gespielt von René Pérez Joglar) Frank erklärt, dass er angesichts seiner lebenslangen Haftstrafe keine andere Wahl habe, als sich aktiv für diese Aufgabe zu entscheiden – und sie mit Leidenschaft und Hingabe zu erfüllen. Julian nimmt sein Schicksal an, sucht Rat, besucht die angebotenen Gesprächskreise und lernt. In dieser lernfördernden Umgebung findet auch Frank Schritt für Schritt einen Weg zu Louis. Er entwickelt einen echten Wissensdurst und lernt, Louis’ Welt zu verstehen.
Der Pfleger als Gefangener? Vom Verwalten zum Gestalten
Diese Szene hat mich tief im Herzen berührt, denn sie weckte eine persönliche Erinnerung. Auch ich hatte in meiner Karriere Zeiten, in denen ich mich wie ein Gefangener fühlte! Gefangen in den starren Rahmenbedingungen des Pflegealltags, im Zeitdruck, im Personalmangel, in den bürokratischen Hürden. Es gab Zeiten, in denen ich alles hinterfragt habe und in denen die täglichen Bedingungen als bequeme Ausrede für mein eigenes Scheitern herhalten mussten.
Doch die wahre Veränderung passierte erst, als ich begriff, dass ich – genau wie Frank im Gefängnis – mich selbst ins Spiel bringen muss.
Als ich aufhörte, die Rahmenbedingungen als starre, ewige Grenzen zu betrachten, und anfing, sie als veränderliche Spielräume zu nutzen, veränderte sich meine Welt. Ich suchte nach Wegen der Pflege und Betreuung, die für mein schwächeres Gegenüber und für mich Sinn machten. Die Grenzen waren plötzlich nicht mehr stabil oder einengend – sie wurden zu Linien, an denen wir uns gemeinsam bewegten. Ich war wieder aktiv „im Spiel“! Frank macht im Film genau dieselbe Entwicklung durch: Er wird im Suchen nach dem, was für sein Gegenüber Louis passt, zum aktiven Gestalter seiner Welt.
Zwischenleiblichkeit und Kinaesthetics: Interaktion auf Augenhöhe
Wie sieht dieses „Sich-ins-Spiel-Bringen“ in der Praxis aus? Es ist kein rein kognitiver Akt, sondern ein körperlicher, interaktiver Prozess. Petra Volpe zeigt dies in Frank & Louis meisterhaft durch die einfühlsame, fließende Kameraarbeit von Judith Kaufmann, die die körperliche Annäherung der beiden Männer spürbar macht.
In der Pflege nennen wir dies Zwischenleiblichkeit. Wenn verbale Kommunikation fehlschlägt, wird die nonverbale, körperliche Kommunikation zum tragenden Fundament. Thomas Fuchs beschreibt das implizite Beziehungswissen: ein leibliches Wissen darüber, wie wir mit anderen umgehen, wie wir Berührung und Bewegung einsetzen.
Hier liegt der unschätzbare Wert von Kinaesthetics im Umgang mit Demenz. In der Pflege neigen wir oft dazu, Bewegungen für die Betroffenen komplett zu übernehmen, was sie in die Passivität drängt, ihre Muskelspannung erhöht und den Teufelskreis der Desorientierung verstärkt. Kinaesthetics lehrt uns das Gegenteil: Pflegende nutzen ihre eigene Bewegungskompetenz, um die Bewegung des Erkrankten achtsam zu begleiten und seine verbliebenen Fähigkeiten zu fördern.
Es geht darum, grundlegende „Forschungsfragen“ an das eigene Handeln zu stellen:
- Wie verändere ich meine Bewegungsgeschwindigkeit und meine Muskelspannung, wenn ich mit diesem Menschen in Kontakt trete?
- Wie passe ich meine Körperspannung an, wenn die Interaktion schwierig oder herausfordernd wird?
- Wie kann ich mein Gegenüber so unterstützen, dass es sein Gewicht kontinuierlich über die eigenen Knochenstrukturen verlagert, anstatt es in den Muskeln zu halten, um sich wirksam und stabil zu orientieren?
Wenn wir uns diese Fragen stellen, begegnen wir dem Menschen mit Demenz nicht mehr als passivem Pflegeobjekt, sondern als aktivem Partner in einem gemeinsamen, harmonischen Prozess. Wir helfen ihm, sich in seinem eigenen Körper zu orientieren, seine Muskelspannung zu regulieren und sich wieder als wirksam und selbstbestimmt zu erfahren.
Fazit: Ein filmisches Meisterwerk und ein Weckruf für die Pflege
Frank wurde zum Gestalter seiner Welt, weil er aufhörte, Louis verändern zu wollen, und stattdessen anfing, sich selbst und seine Interaktionen anzupassen. Er schuf für Louis eine „ökologische Nische der Vertrautheit“ – ein Habitat, in dem Louis trotz seiner Demenz als Person sichtbar, respektiert und bestätigt wurde.
Frank & Louis ist weit mehr als ein berührendes Gefängnisdrama. Es ist ein tiefgründiger Weckruf für uns alle, die wir Menschen mit Demenz begleiten. Er zeigt uns, dass Pflege keine Einbahnstraße ist, sondern dass Fürsorge ein Geschenk ist, das den Gebenden gleichermaßen verwandelt wie den Empfangenden.
Ein riesiges Dankeschön und meine wärmste Gratulation an Petra Volpe, Kingsley Ben-Adir, Rob Morgan und das gesamte Team für diesen wunderbaren, einfühlsamen Film. Er verdient es, von möglichst vielen Menschen – insbesondere aus der Pflege – gesehen zu werden!
Über den Autor: Ich habe meine pflegerische Reise 1982 begonnen und durfte über vier Jahrzehnte hinweg von Menschen mit Demenz lernen. Seit meiner Pensionierung widme ich mich dem Schreiben und dem Austausch über Beziehungsgestaltung, Leiblichkeit und Bewegungskompetenz in der Pflege.
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