Teil 3: Bewegung als Weltsprache – Meine Begegnung mit Herrn X
Nach den ersten, überwältigenden Eindrücken in der Megacity Shanghai und der nächtlichen Taxifahrt nach Hangzhou, starten wir ausgeschlafen und gestärkt in unseren dritten Tag in China. Ein feines, ausgiebiges Frühstück liegt hinter uns, als uns ein Taxi abholt. Unser Ziel für heute: Der Besuch von zwei ganz unterschiedlichen Institutionen, die uns einen Einblick in das chinesische Gesundheitssystem geben sollen.
Erster Stopp: Eine Rehaklinik der Superlative
Wir fahren durch die Stadt zu einer staatlichen Rehaklinik. Die Dimensionen hier sind, wie so oft in China, gewaltig: 1.200 Betten umfasst die Institution. Eine junge, hochmotivierte Pflegeexpertin und die Spitalleitung begrüßen uns herzlich und führen unsere Delegation durch die Räumlichkeiten.
Was mir sofort auffällt: Auch in China, selbst in einer so großen Rehaklinik, sind Demenz und das damit verbundene herausfordernde Verhalten der Betroffenen ein riesiges Thema. Spannend zu sehen ist, wie damit umgegangen wird. Es gibt viele Interventionen, die stark realitätsorientiert sind – man versucht fast schon vehement, die Menschen aus ihrer Demenzwelt zurückzuholen. Das unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem, was ich auch da und dort in der Schweiz und in ganz Europa erlebe.
Doch inmitten dieser riesigen Institution durfte ich einen ganz besonderen, individuellen Moment erleben.
Die Begegnung mit Herrn X
Auf einem der Korridore treffen wir auf Herrn X. Er hat gerade Besuch von seiner Tochter. Als wir als europäische Delegation vorbeilaufen, scheint die Tochter sofort zu ahnen, dass es ihrem Vater guttun würde, diese „exotischen Besucher“ kennenzulernen. So entsteht der erste Kontakt zwischen mir und dem betagten Mann, der sein Leben mit einer Hemiplegie (Halbseitenlähmung) meistert.
Mithilfe unserer Dolmetscherin frage ich ihn, ob er Lust hat, mit mir in Bewegung zu kommen. Ein breites, fröhliches Lächeln huscht über sein Gesicht.
Ich starte den Versuch einer nonverbalen Kommunikation: Ich berühre ihn sanft und lade ihn durch meine eigene Körperbewegung dazu ein, die Füße von den Rollstuhlstützen zu heben.
• Auf seiner gesunden Seite reagiert er sofort und stellt den Fuß auf den Boden.
• Auf der betroffenen Seite gebe ich ihm einen Bewegungsimpuls und warte… Nichts passiert.
• Ich verändere den Impuls leicht in eine andere Richtung. Und plötzlich beginnt er ganz langsam, das Bein abzuheben!
Ich folge mit meinem Körper seiner Bewegung. In diesem Moment spüre ich eine tiefe Verbundenheit. Herr X schaut mich ungläubig an und strahlt übers ganze Gesicht. Auch seine Tochter ist völlig überrascht. Ihr Vater hat nach langer Zeit wieder echte Selbstwirksamkeit erfahren – und die Tochter hat hautnah miterlebt: Er kann es doch noch
Tiefer als Worte
Was Herr X und ich in diesen knapp zehn Minuten für einen Dialog hatten, war wesentlich tiefer als jede Kommunikation über Worte. Ein gesprochenes Gespräch hätte hier niemals funktioniert – selbst dann nicht, wenn ich fließend Chinesisch sprechen könnte.
Herr X und ich nutzten die Sprache der Kinaesthetics: Eine achtsame Kommunikation über Berührung und Bewegung. Sie macht es möglich, Verbundenheit zu gestalten, ganz fein auf die Reaktionen des Gegenübers einzugehen und gleichzeitig die eigene Bewegung dem anderen als Unterstützung zur Verfügung zu stellen.
Die Situation in diesem Aufenthaltsraum, irgendwo in China, in einer Klinik mit 1.200 Betten – und damit 1.200 Menschen, die täglich durch ihre Einschränkungen herausgefordert werden – war einzigartig. Vielleicht war es für den Klinikalltag nur ein winziger Moment. Aber für uns war es der spürbare Beweis, dass Verbundenheit, Selbstwirksamkeit und Autonomie die wahren Schlüssel zu Lebensqualität sind. Sie bilden das Fundament, um überhaupt Sinnfragen im Leben zu verarbeiten.
Danke, Herr X, für dieses großartige Gespräch. Ich trage es tief in mir!
Ausblick auf den nächsten Beitrag: Im nächsten Abschnitt erzähle ich euch vom Besuch bei einem weiteren, von Demenz betroffenen und sehr unsicheren Menschen. Eine Begegnung, die mich selbst zutiefst beeindruckt und bewegt hat. Seid gespannt!


Ich mag die Kinästhetik. Durch Berührung und Führung entfaltet sie eine magische Anziehungskraft. Bewegungseingeschränkte ältere Menschen bekommen nach der Aktivität ein Leuchten in den Augen, die Mundwinkel heben sich zu einem Lächeln, und sie werden sanft und kraftvoll.Die zufaellige Begegnung zwischen Erich und Herrn X, die Kommunikation durch den Tastsinn, die Konzentration auf den gegenwaertigen Moment — all das ist erfuellt von Liebe und Respekt.
Das hast du wunderschön und unglaublich treffend beschrieben. Es ist genau diese tiefe, fast magische Verbindung, die die Kinaesthetics (Kinästhetik) so besonders macht.
Es ist viel mehr als nur eine reine “Pflege- oder Bewegungstechnik”. Es ist eine Form der Kommunikation, die dort ansetzt, wo Worte oft nicht mehr ausreichen – direkt über die Haut, den Tastsinn und das gemeinsame Erleben von Schwerkraft und Balance.