Teller statt Tablet: Warum Präsenz am Esstisch zählt und Kinästhetik wichtig ist 

In der Pflege ist die Essenszeit weit mehr als nur die reine Nahrungsaufnahme. Sie bietet eine einzigartige Chance zur Interaktion und zur Förderung der Bewegungsentwicklung bei unterstützungsbedürftigen Bewohnern. Dies erfordert nicht nur Zeit, sondern auch ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Doch wie können wir diese alltägliche Herausforderung in eine wertvolle Gelegenheit verwandeln? Die Antwort liegt im Konzept der Kinästhetik.

Vor dem Essen: Die richtige Position finden (Kinästhetik Konzept – Position/Grundposition)  

Bevor wir mit dem Essen beginnen, ist die Positionierung entscheidend. Viele pflegeabhängige Menschen können ihr Gewicht nicht mehr selbstständig passend positionieren. Unsere Aufgabe ist es daher, die optimale Sitz- oder Liegeposition zu finden:

  • Im Stuhl oder Rollstuhl: Achten Sie auf eine gute Auflagefläche für Beine und Füße. Der Stuhl oder Rollstuhl sollte so positioniert werden, dass der Bewohner möglichst viel Gewicht über das Becken organisieren kann. (normaler gerade Sitzfläche und eher hartes Kissen)
  • Im Bett: Stellen Sie die Liegefläche schräg, bewegen Sie den Bewohner kopfwärts und nutzen Sie den Beinknick. Spezielles Positionierungsmaterial kann hier sehr hilfreich sein. Beim Hochfahren des Kopfteils können Sie den Bewohner aktiv miteinbeziehen, indem Sie ihm helfen, den Druck von den Schulterblättern zu nehmen.

Auch Ihre eigene Position als unterstützende Person ist wichtig. Achten Sie auf die Organisation Ihres eigenen Gewichts und nutzen Sie verfügbare Hocker, um Ihre Positionierung zu gestalten. Fragen Sie sich: Wo kann ich Gewicht abgeben?

Während des Essens: Interaktion gestalten (Kinaesthetics Konzept – Interaktion) 

Das Kernziel während des Essens ist die (Mit-)beteiligung des Bewohners. Idealerweise geben wir Impulse und Anweisungen, damit der Bewohner Becher oder Esswerkzeug selbst führt. Wenn dies nicht gelingt, können Sie Arm oder Hand führen und begleiten.

Hier kommt das Konzept der Interaktion voll zum Tragen. Es geht darum, im Moment herauszufinden, was das Gegenüber braucht und wann die Person die Bewegung selbst übernehmen kann. Folgende Fragen aus dem Kinästhetik-Konzept können dabei helfen:

  • Wie passe ich meine Bewegungsgeschwindigkeit fortlaufend an die Möglichkeiten des Patienten an?
  • Wie wirkt sich meine eigene Anstrengung auf die des Patienten aus?
  • Wie beeinflusst meine Anstrengung die Nutzung der Bewegungsspielräume des Patienten?
  • Was stelle ich über mein „Führen-Folgen Verhalten“ fest?

Sollte die direkte Mitbeteiligung in dieser Form nicht möglich sein, suchen Sie nach anderen Kontaktmöglichkeiten. Das gemeinsame, gleichzeitige Mitbewegen, vorwiegend der Arme, kann hier sehr effektiv sein. Es kann hilfreich sein, den Arm so zu bewegen, dass feine Bewegungen in den Zwischenräumen der Achseln und des Handgelenks gefunden werden können.

Nach dem Essen: Erholung ermöglichen

Nach dem Essen ist es wichtig, dem Bewohner zu ermöglichen, Hände und Gesicht zu reinigen. Auch hier kann das Konzept der Interaktion helfen, die Mitbeteiligung zu finden. Anschließend suchen wir eine passende Positionierung, damit der Verdauungsprozess beginnen und gleichzeitig ein erholsamer Mittagsschlaf gehalten werden kann.

Mein persönlicher Plan

„Essenszeiten“ laden uns alle ein, persönliche Ideen zu entwickeln und einen individuellen Plan zu erstellen. Dabei geht es darum, bei bestimmten Bewohnern gezielt zu beobachten und zu entwickeln. Diskutieren Sie Ihre Entdeckungen mit Kollegen – denn gemeinsam lernen wir am besten.

Indem wir die Essenszeiten kinästhetisch gestalten, nutzen wir nicht nur ein großes Bewegungsentwicklungspotenzial, sondern schaffen auch wertvolle Momente der Verbundenheit und Aufmerksamkeit.

Erich Weidmann Juni 2025