Selbstwirksamkeit durch Verbundenheit
Selbstwirksamkeit in der Pflege beschreibt die tiefe Überzeugung, dass Pflegende und Gepflegte gemeinsam in der Lage sind, gesundheitliche Herausforderungen durch eigenes, bewusstes Handeln zu bewältigen. Es geht darum, nicht nur zu „versorgen“, sondern Handlungsspielräume (wieder) zu eröffnen.
Die Blockade: Wenn Hilflosigkeit den Körper lähmt
Vergangene Woche durfte ich erneut mit Markus in Bewegung sein. Doch als ich sein Zimmer betrat, empfing mich eine mir unbekannte Unruhe. Markus griff sich immer wieder an den Kopf – mal mit den flachen Händen, mal presste er verzweifelt die Fäuste gegen die Schläfen.
„So geht es nicht“, wiederholte er immer wieder, „das funktioniert einfach nicht. Ich habe genug.“
Mir wurde berichtet, dass Markus am Morgen in eine missliche Lage geraten war: Eine Mitbewohnerin hatte ihn im Rollstuhl versehentlich in eine sprichwörtlich ausweglose Ecke manövriert. Erst eine Pflegefachkraft konnte die Blockade lösen.
Dieses Wissen half mir, seine Verfassung zu verstehen: Markus erlebte einen massiven Kontrollverlust. In mir stieg die Frage auf: Was kann ich ihm anbieten, damit er aus dieser Starre zurück in die Zuversicht findet?
Das nonverbale Gespräch: Ein Tanz der Anpassung
Ich bat Markus, vom Rollstuhl auf das Bett zu wechseln. Obwohl ich ihn punktuell unterstützte, merkte ich, wie sehr ihn selbst dieser kleine Transfer forderte. Ich schlug vor, dass er sich zunächst ganz hinlegt. Ich kündigte an, seine Arme und Beine zu bewegen, um gemeinsam wieder „in Fluss“ zu kommen.
Der Fokus auf das Spüren
Ich schließe meine Augen. Das hilft mir, meine Aufmerksamkeit ganz auf das kinaesthetische Sinnessystem zu lenken.
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Führen und Folgen: Ich gestaltete den Prozess wie ein Spiel aus Fragen und Antworten.
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Anpassung: Geschwindigkeit, Richtung und Kraftaufwand wurden kontinuierlich auf seine Reaktionen abgestimmt.
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Resonanz: Markus ließ sich auf diese Form der Kommunikation ein. Es wurde ein gemeinsames Gleiten, fast wie ein Tanz.
Nachdem wir diesen Austausch an allen vier Extremitäten vollzogen hatten, breitete sich eine tiefe Ruhe im Raum aus. Markus atmete entspannt und sah mir lange in die Augen. Die Verbindung war wiederhergestellt.
Der Moment des Triumphs
Wir arbeiteten weiter am Bettrand, suchten Wege des Aufstehens und Absitzens. Schließlich hielt ich Markus seine Schuhe hin.
Ganz langsam nahm er den ersten Schuh. Er beugte sich konzentriert nach vorne, stellte ihn auf den Boden, hob den Fuß und glitt bedächtig hinein. Das Gleiche wiederholte er mit dem zweiten Schuh. Dann richtete er sich auf, strahlte, riss die Hände in einer Siegerpose nach oben und klatschte begeistert in die Hände.
Erkenntnis: Selbstwirksamkeit braucht Resonanz
Auf der Heimfahrt ließen mich diese Bilder nicht los. Wie kann ein Mann, der als Geschäftsmann unglaubliche Leistungen vollbracht hat, einer so kleinen Aktivität wie dem Schuheanziehen eine solche Bedeutung beimessen?
Mir wurde klar: Selbstwirksamkeit ist nichts Statisches.
Markus hatte an diesem Vormittag erst das totale Scheitern und dann den totalen Erfolg erlebt. Doch der Schlüssel lag in der Verbundenheit. Diese Qualität der Beziehung – das Gefühl, in der Interaktion gehört und beantwortet zu werden – war das Fundament.
Fazit: Erst durch die Sicherheit der gemeinsamen Bewegung konnte Markus das Schuheanziehen wieder als seinen persönlichen Sieg über die Ohnmacht erleben. Ein Moment, in dem aus Pflege echte Lebensqualität wurde.
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