Der zweite Besuch: Wenn Angst in Vertrauen übergeht – Begegnung mit Herrn Xing

Wir wechseln das Zimmer und ich lerne Herrn Xing kennen. Die Pflegedienstleitung erklärt mir im Vorfeld, dass er trotz seiner Demenz sehr lernbegierig sei, aber unter großer Angst beim Laufen leide. Die Rahmenbedingungen in dem Zimmer sind eine echte Herausforderung: Es ist relativ laut, weil der Zimmernachbar fernsieht, und dazu drängt sich nun auch noch unsere gesamte Besuchsdelegation um sein Bett.
Ich begrüße Herrn Xing mit allen nonverbalen Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen. In diesem ganzen Trubel warte ich geduldig ab, bis er sich orientieren kann und sich mir aufmerksam zuwendet.

Das Wunder des Alleinstehens

Ich lade Herrn Xing ein, für einen Moment aufzustehen und mit mir ein paar Schritte zu gehen. Kaum beginnt er die Aufstehbewegung, springt der zuständige Pflegemitarbeiter sofort herbei, um ihn reflexartig zu halten und zu sichern. Ich bremse den Kollegen sanft aus und ermutige ihn, für einen Moment einfach nur abzuwarten. Und siehe da: Herr Xing findet den Weg vom Sitzen in den Stand völlig alleine! Das überrascht das gesamte Team – und den Pflegemitarbeiter ganz besonders.
Beim anschließenden Laufen bemerke ich jedoch sofort, wie enorm sich Herr Xing konzentrieren muss und wie stark seine Körperspannung dabei ansteigt. Seine Angst blockiert ihn. Also bitte ich ihn, sich wieder auf das Bett zu setzen. Ich erkläre ihm und der Delegation, dass es für Herrn Xing viel effektiver ist, in dieser tieferen, sichereren Position zu lernen, sein eigenes Gewicht zu regulieren.

„Gehtraining“ im Sitzen

Gemeinsam mit Herrn Xing suche ich den Weg vom aufrechten Sitzen hinunter auf den Ellbogen. Eine eigentlich unscheinbare Bewegung – die ihm aber überhaupt nicht mehr geläufig ist.
• Die rechte Seite: Wir erarbeiten den Weg zuerst auf den rechten Ellbogen. Das gelingt ihm von Mal zu Mal besser.
• Die linke Seite: Der Weg auf den linken Ellbogen ist für ihn eine weitaus größere Herausforderung.
Ich begleite ihn, indem ich meine Bewegungsgeschwindigkeit achtsam an seine anpasse. Sobald ich spüre, dass seine Körperspannung steigt, suchen wir gemeinsam nach einer anderen Richtung, um den Druck herauszunehmen. Was wir hier tun, ist im Grunde ein hocheffektives Gehtraining im Sitzen.
Die Hierarchie der Bewegungskompetenzen ist für mich hier die entscheidende Grundlage:
Wir könnten mit Herrn Xing kilometerweit laufen, ohne dass er dadurch sicherer wird. Suchen wir aber in den tiefen Positionen nach Wegen, wie er seine Arme gegenüber dem Brustkorb oder das Becken gegenüber den Beinen kontrollieren kann, entwickeln wir genau die Vielfalt, die ihm später im Stehen und Gehen hilft.
Unter „vielfältiger Bewegung“ verstehe ich, dass er seine einzelnen Körperteile in vielen Variationen beschleunigen und bremsen kann. Dass er Richtungsalternativen hat und seine Kraft so anpassen kann, dass es nicht zu einem „Kraftstau“ in Form von zu hoher Körperspannung kommt.

Ein wortloses Verstehen

Nach 20 Minuten sind Herr Xing und ich an einem ganz anderen, passenden Lernort angekommen – und das völlig ohne Worte. Als ich mich herzlich von ihm verabschiede, bemerke ich seinen Zimmernachbarn. Er hat den Fernseher längst vergessen und schaut mit größtem Interesse zu uns rüber. Auch er hat vermutlich verstanden, dass hier gerade etwas Besonderes passiert ist.
Beim Weitergehen auf dem Korridor berührt mich die Pflegeexpertin der Klinik am Arm. Sie schaut mich an und signalisiert mir mit einem einzigen, tiefen Blick, wie faszinierend diese Begegnung für sie war.
Ja, und für mich auch!
Der nachfolgende, obligatorische Fototermin war dann natürlich einmal mehr ein echter Showdown für China: Jeder, wirklich jeder, musste mit aufs Bild. Ein wunderbares kulturelles Ritual, das uns auf dieser Reise definitiv noch mehrmals begegnen wird!