Offener Brief

Erich Weidmann
Pflegefachmann
weidmann@bewegt.ch

Liebe Pflegemitarbeiterin, Lieber Pflegemitarbeiter,

CC: Pflegefachpersonen, Öffentlichkeit

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Offener Brief

Erich Weidmann

Pflegefachmann


weidmann@bewegt.ch

Liebe Pflegemitarbeiterin, Lieber Pflegemitarbeiter,

CC: Pflegefachpersonnen, Öffentlichkeit

Vergleiche ich meine Rolle als Diplomierter mit der Rolle einer Pflegemitarbeiterin  wird mir manchmal ein wenig komisch zumute

Rollenverteilung in der Pflege

Diesen Brief schreibe ich explizit an dich als PflegemitarbeiterIn. Vergleiche ich meine Rolle als Diplomierter mit der Rolle einer Pflegemitarbeiterin oder Pflegehilfe wird mir manchmal ein wenig komisch zumute, und zwar aus den folgenden Gründen:

  • Während ich die Medikamente vorbereite und verteile, bist du dabei, von Demenz betroffene Menschen zu unterstützen und zu begleiten.
  • Während ich Dokumentationen erstelle, suchst du den Zugang zu dem von Demenz betroffenen Menschen.
  • Ich bin an Rapporten und Gesprächen, du begleitest den von Demenz betroffenen Menschen auf die Toilette oder musst dieses Unterfangen zuweilen auch einmal resigniert aufgeben, weil dein Gegenüber damit nicht einverstanden ist.

Tatsache ist, dass du als Pflegemitarbeiterin im Pflegealltag eine genauso tragende Rolle spielst wie wir «Fachpersonen»

Die tägliche Herausforderung

Du bist täglich gefordert, die Pflege so zu gestalten, dass letzten Endes alle BewohnerInnen «gepflegt» sind. Dabei bist du in einem besonderen Mass dem Unberechenbaren ausgesetzt. Damit meine ich Dinge, die täglich ungeplant und unverhofft in Erscheinung treten können. Ausscheiden, Waschen, Kleiden, Essen, Trinken, Mobilisieren und vieles mehr müssen tagtäglich in vielen verschiedenen Interaktionen gestaltet werden – und während ebendieser Aktivitäten des täglichen Lebens treten immer mal wieder auch unberechenbare Ereignisse ein.

Tatsache ist, dass du als Pflegemitarbeiterin im Pflegealltag eine genauso tragende Rolle spielst wie wir «Fachpersonen». Dafür möchte ich mich bei dir herzlich bedanken. Ich tue das auch im Namen unserer BewohnerInnen und deren Angehörigen.

Bei der Pflege steht heute zunehmend die Entwicklung und Erhaltung von Ressourcen im Vordergrund

Der Kern der Pflege

Bei der Pflege steht heute zunehmend die Entwicklung und Erhaltung von Ressourcen im Vordergrund. Das bedeutet, dass im Pflegealltag fortwährend danach gesucht werden muss, wie von Demenz betroffene Menschen in die Aktivitäten des täglichen Lebens einbezogen werden können. Nur so können sie sich während dieser Interaktionen als selbstwirksam erfahren, wodurch für sie Lebensqualität entsteht.

Wenn die Gestaltung der Beziehung vor dem Ausführen einer Unterstützungsleistung kommt macht pflegen Sinn.

Du im Kern der Pflege

Für dich als PflegemitarbeiterIn heisst das, dass du während der Körperpflege, des Anziehens, der Mobilisation oder der Essenseinnahme stets nach Möglichkeiten der Beteiligung des Gepflegten suchst. Die meist im Vordergrund stehende Frage, ob diese oder jene Aktivität ausgeführt ist, weicht der oftmals nicht gestellten Frage aus, ob in dieser oder jener Aktivität die Beteiligung und die Selbstbestimmung des Bewohners gesucht und wenn möglich gefunden wurde.

Ich weiss, du hast das alles schon gehört. Das Argument, dass für diese stete Suche zu wenig Zeit vorhanden ist, kennst du vermutlich ebenfalls. Du trägst zum Glück auch viele Erfahrungen aus Begegnungen in dir, in denen das Einbeziehen gelungen ist. Ich bin sicher, dass auch für dich Helfen dann befriedigend ist, wenn die Gestaltung der Beziehung vor dem Ausführen einer Unterstützungsleistung kommt.

Arbeitsplanung ist das eine zuständig sein das Andere!

Zuständigkeit

Zuständig für eine gewisse Anzahl von Menschen, die von Demenz betroffen sind, wird man als Pflegemitarbeiterin durch die Arbeitsplanung. Eine andere Kategorie ist zuständig zu sein für die Unterstützung und Begleitung von von Demenz Betroffenen über einen gewissen Zeitraum. Zuständig sein bedeutet, sich selbst zu organisieren. Wen unterstütze ich zuerst und in welcher Aktivität? Helfe ich jemandem zuerst auf die Toilette oder unterstütze ich ihn beim Waschen? Ist es mir ein Anliegen, der BewohnerIn eine gründliche Körperpflege zu ermöglichen, oder mache ich nur das Nötigste und nutze die dadurch frei gewordene Zeit, um die BewohnerIn passend zu mobilisieren? Oder sollte ich dieser BewohnerIn nicht eher ein Getränk anbieten und dafür einer anderen BewohnerIn helfen, die gestern sehr unruhig geworden ist?

Diese oft unbewussten Fragen beantwortest du täglich, indem du fortlaufend Entscheidungen triffst und damit Antworten findest! Ich wage es, dir zu sagen: Diese Antworten sind es, die nur du als FragestellerIn verantworten kannst. Das ist herausfordernd und befriedigend zugleich. Herausfordernd ist es, weil wir als Pflegende im Berufsalltag fast durchwegs dem Dilemma gegenüberstehen, dem einen zu helfen und den anderen in dieser Zeit allein zu lassen. Befriedigend ist es, weil die Entscheidungen, die du fällst, oftmals einen gelungenen Alltag – sowohl für die Gepflegten wie auch für dich – ermöglichen.

Wem die Qualität der Beziehung während der Pflegeinterventionen wichtig ist, weiss, wie oft wir scheitern.

Scheitern

Wem die Qualität der Beziehung und das Miteinbeziehen während der Pflegeinterventionen wichtig ist, weiss, wie oft wir scheitern. Die Frage ist, wie du und ich eine Interaktionskultur schaffen können, in der Gelingen und darauf aufbauend Scheitern mit dem persönlichen Sein im Alltag verknüpft werden. Nur so kann deine und meine gelebte Kompetenz in den Vordergrund rücken. Dabei kann ich dir versichern: Je passender und bewusster deine Fragen und Antworten in gelingenden Beziehungen und gelingenden Arbeitseinsätzen waren, umso mehr beginnt es dich zu interessieren, passendere Fragen und Antworten in herausfordernden Beziehungen oder Arbeitsabläufen zu finden.

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Die Beziehungen zu Menschen lassen sich nicht planen, nur gestalten.

Komplex

Ebenfalls versichere ich dir, dass keiner von uns das Sein im Arbeitsalltag voll im Griff hat. Die Beziehungen zu Menschen lassen sich nicht planen, nur gestalten. Du tust das jeden Tag erfolgreich, oft unter schwierigsten Bedingungen.

Im Sein Fragen stellen, die Entscheidungen darauf verantworten

Gemeinsam lernen

Mich beschämt es ein wenig, dass deinen erfolgreichen Strategien, den Alltag im geschützten Wohnbereich zu gestalten, oft zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Ich meine damit eben nicht, ob du alles erledigt hast. Denn es geht um deine Kompetenz, den von Demenz betroffenen Menschen während des Erledigens mit in die Handlungen einzubeziehen. Ich bin mir sicher, dass wir von und miteinander lernen sollten, wie wir alle diesem Kern der Pflege näherkommen können. Ich weiss auch, dass wir Fachpersonen noch einiges zu lernen haben, was die Frage betrifft, wie wir unsere Zeit einsetzen; wie wir beispielsweise Medikamente vorbereiten oder die demenzbetroffene BewohnerIn so pflegen, dass sie sich als selbstwirksam erfährt, wie wir passende Pflegeplanungen schreiben oder Dokumentationen verfassen.

Lebensqualität im Sein

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Lebensqualität für Alle 

Ich für mich weiss, dass die Art und Weise, wie Menschen ihre Selbstwirksamkeit in den Aktivitäten des täglichen Lebens erfahren, zu einem grossen Teil ihre Lebensqualität bestimmt. Dies gilt für die Lebensqualität der Bewohnerinnen, aber auch deine und meine Lebensqualität gleichermassen.

Ich freue mich, wenn, du im Sein deine Fragen stellst, die Entscheidungen darauf verantwortest und mit mir und allen ArbeitskollegInnen deine Entdeckungen teilst.

Bewegte Grüsse

Erich Weidmann

«Erfahrung schafft Wissen»

Der weg zu Ihrem eigenen Gesundheitswesen
Erich Weidmann, Kinaesthetics-Trainer
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