Offener Brief

Erich Weidmann
Pflegefachmann
weidmann@bewegt.ch

An alle Angehörigen, Freunde und Bekannte, die Menschen mit Demenz in geschützten Bereichen von Institutionen besuchen

CC: Pflegepersonal, Öffentlichkeit

In diesem Brief können Sie über meine Sicht darauf lesen, wie ich die Herausforderung einschätze, der viele Angehörige von von Demenz betroffenen Menschen ausgesetzt sind. Weiter mute ich Ihnen einen kleinen Exkurs in die Pflegegeschichte zu, um Sie dann mit der Bedeutung des Pflegeschlüssels von 0.7 vertraut zu machen. Als Schluss und Anfang, schreibe ich Ihnen, warum wir einander wirklich brauchen.

Als Mitarbeiter einer dieser vielen geschützten Wohngruppen ist es mir ein grosses Anliegen, mich bei Ihnen zu melden. Ich tue dies, weil Sie als Angehörige viel zum Leben der BewohnerInnen in einer Institution beitragen. Dafür schon vorweg ein herzliches Danke!

Die Wege, wie unsere BewohnerInnen zu uns kommen, sind unterschiedlich.

Der Weg in den geschützten Wohnbereich ist nicht einfach

Dabei war das für Sie zu Beginn sicher nicht so einfach. Immerhin hatten Sie einiges erlebt, lange bevor wir uns kennenlernten. Die zu Beginn eher kleinen Herausforderungen, die die von Demenz betroffene Person an Sie stellte, veränderten sich vermutlich zunehmend. Aus den Herausforderungen wurde ein anhaltendes Sorgen. Mögen Sie sich an den Moment erinnern, als Sie oder jemand anderes aus der Familie ausgesprochen hat, was vermutlich schon länger als Gedanke in Ihren Köpfen gebildet hatte? Pflegeheim! Pflegeheim?
Natürlich weiß ich nicht, wie Sie das erlebt haben. Die Wege, wie unsere BewohnerInnen zu uns kommen, sind unterschiedlich. Manchmal gehen dem Eintritt mehrere Gespräche voraus. Manchmal überstürzen sich die Ereignisse und unsere BewohnerInnen brauchten überraschend schnell eine passende Institution.

Es ist gut möglich, dass die Antworten, die wir als Pflegende auf ihre Fragen gaben, nicht wirklich passten.

Manchmal geht es Schritt für Schritt – manchmal geht es schnell

Bei einer Familie, die ich kennen und schätzen lernen durfte, war es so, dass sie fast notfallmäßig einen guten Pflege- und Betreuungsplatz für ihren Angehörigen brauchte. Das verstärkte die Herausforderungen zusätzlich, die bei jedem Eintritt in einen geschützten Wohnbereich auf den betroffenen Menschen und dessen Familie zukommen. Sicher, im ersten Moment haben sie wahrscheinlich das Entlastende wahrgenommen, konnten allenfalls nachschlafen und Liegengebliebenes erledigen. Aber beim Besuchen ihres Angehörigen zu erleben, wie unterschiedlich Menschen mit Demenz den Alltag in dieser Wohnform gestalten, wie sich ihr Verhalten deutlich unterscheidet vom Verhalten, das sie vom eigenen Angehörigen kennen, setzte wiederum einen Verarbeitungsprozess in Gang. Vermutlich mussten sie feststellen, dass die Pflegenden ihren lieben Angehörigen noch nicht wirklich kannten. Sie haben sich vermutlich gefragt, ob diese wirklich gut zu ihm schauen und ihm das versprochene neue Daheim bieten können. Es ist gut möglich, dass die Antworten, die wir als Pflegende auf ihre Fragen gaben, nicht wirklich passten.

Ich muss zugeben, dass ich in Ihren Fragen und Anregungen manchmal Kritik heraushöre, die Sie oft nicht im Geringsten anführen.

Meine Situation

Das bringt mich dazu, Ihnen von meinem Erleben zu berichten. Ich muss zugeben, dass ich in Ihren Fragen und Anregungen manchmal Kritik heraushöre, die Sie oft nicht im Geringsten anführen. Meine Sensibilität hat verschiedene Gründe. Wenn Sie mögen, beschreibe ich Ihnen einige. Eins aber vorweg: Wir brauchen Sie als Angehörige, um in diesen geschützten Wohnbereichen eine Pflege und Betreuung anbieten zu können, von der Sie und wir annehmen, dass durch diese immer wieder die bestmöglichen Angebote für die demenzbetroffenen Menschen gefunden und gestaltet werden können. Darum: Herzlichen Dank für jeden Besuch, jede Anregung und jede Frage.

Die Geschichte unseres Berufes zeigt, dass dabei die «Betreuung, Pflege, Sorge und Fürsorge» im Mittelpunkt steht (CARE).

Behandeln versus umsorgen

Jetzt zu den Gründen, die mich als Pflegenden manchmal ein wenig dünnhäutig machen. Als Pflegender sind mir die pflegeabhängigen Menschen nahe. Die Geschichte unseres Berufes zeigt, dass dabei die «Betreuung, Pflege, Sorge und Fürsorge» im Mittelpunkt steht (CARE). Dies war in sehr frühen Zeiten der Pflegegeschichte vor allem die Aufgabe von Nonnen und Diakonissen. Die Arbeit, die sie verrichteten, wurde wertgeschätzt, respektiert und über Spenden an den Orden finanziert. Der nächste Entwicklungsschritt in unserem Beruf wurde durch Florence Nightingale eingeläutet. Sie war eine britische Krankenschwester, Statistikerin und Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege. Ihrer Arbeit ist es zu verdanken, dass der Beruf der Krankenpflege entstand und mehr und mehr auch entlöhnt wurde. So wurde es möglich, dass die Pflegenden an der Seite der Ärzte eine Art Hilfsberuf ausführten und sich neben der Betreuung, Pflege und Fürsorge nun auch das Wissen aneignen konnten, Behandlungen, Medikamentenverabreichung und vieles mehr durchzuführen.

Sie und ich messen die Care-Qualität sehr wohl

Umsorgen ist nicht leicht zu messen…

Ich hoffe ich langweilte Sie mit diesem Exkurs in die Pflegegeschichte nicht. Ich schreibe darüber, weil ich von meiner dauernden Zerrissenheit zwischen diesen beiden Bereichen berichten will oder sogar muss. Wie Sie wissen, wird in der heutigen Zeit alles gemessen. Die Krux ist es, dass in der Pflege der Care-Anteil nicht gemessen wird oder werden kann. Bei Behandlungen ist dies viel eher möglich. Die Messungen zeigen schonungslos Fehler auf und verlangen nach Behebung. Dies erfordert im Alltag viel Konzentration und auch Zeit, was dazu führt, dass wir Pflegende im Care-Bereich laufend Abstriche machen müssen, aus denen wiederum eine grosse Zahl an nicht gemessenen Fehlern entsteht. Diese erscheinen in keiner Statistik und kümmert die Finanzierungssysteme und die Politik deshalb meistens nicht. Sie und ich interessieren uns aber sehr wohl dafür! Sie und ich messen die Care-Qualität sehr wohl, zwar nicht mit Zahlen, aber mit dem eigenen Empfinden.

In diesem Bereich läuft es aber definitiv schief

Der Care Bereich ist wichtig

Glauben Sie mir: Nicht nur ich, sondern viele andere Pflegende auch können mit den Fehlern im Care-Bereich nur schwer leben und versuchen im Alltag auch diese Seite der Pflegearbeit angemessen zu gestalten. In diesem Bereich läuft es aber definitiv schief. Die Ausstiegszahlen aus meinem Beruf sprechen Bände. Doch mit der Annahme der Pflegeinitiative ist die Pflege jetzt stärker als eigenständiger Beruf anerkannt. Ob wir den Finanzierungssystemen und der Politik die nicht messbare Care-Seite verständlich machen können, wird sich zeigen.

Als zweite Perspektive mute ich Ihnen Stellenplan Theorie und Alltag zu.

Stellenplan

Als zweite Perspektive mute ich Ihnen Stellenplan Theorie und Alltag zu. In jeder Institution wird für die Budgetierung mit einem Stellenschlüssel gerechnet. Dieser liegt im Betrieb meines Arbeitgebers bei 0,74. Dies bedeutet pro HeimbewohnerIn erhalten wir 0.73 Pflegende. Das heißt es stehen unseren achtzehn HeimbewohnerInnen 13.14 Pflegende zur Verfügung. Dies ergibt auf unseren Plan mit den individuellen Anstellungsprozenten ein Team vom 18 MitarbeiterInnen.
Wenn ich nun die Jahresarbeitszeit dieser 13.14 Stellen zusammenzähle und diese danach durch die 365 Tage eines Jahres teile, stehen pro 24 Stunden 7.5 MitarbeiterInnen zur Verfügung. Diese arbeiten 8.5 Stunden pro Schicht. Dies ergibt für den Wohnbereich auf dem ich demenzbetroffene Menschen pflege und betreue 3.5 Stunden pro BewohnerIn. Davon sind wir leider noch fast 1.5 Stunden mit organisatorischen, administrativen und hauswirtschaftlichen Leistungen, die wir als Pflegende für unsere BewohnerInnen erbringen, beschäftigt.

Ich selbst bin von dieser Zahl immer wieder zutiefst erschüttert.

Zwei Stunden…..

Sie sehen, uns bleiben etwas mehr als zwei Stunden reine Pflege und Betreuungszeit für Ihren Angehörigen zur Verfügung. Ich selbst bin von dieser Zahl immer wieder zutiefst erschüttert. Wenn Sie mehr über meine Berechnungen wissen möchten, können Sie hier mein verwendetes Excelsheet runterladen: Link zu Excel Datei    >>>Stellenplan Berechnung für Profis  ( Heimverband Schweiz, Zeit nicht in direkt und indirekt gerechnet)

Danke, dass ich Ihnen die Situation der Pflegenden in unserem Beruf schildern durfte. Es ist eine Arbeit, die von uns viel abverlangt, wenn neben der sorgfältigen medizinischen Betreuung auch CARE zufriedenstellend ausgeführt werden soll.

Die Zeit, ist für Ihren Angehörigen wertvoll!

Wir brauchen einander wirklich

Als Angehörige von BewohnerInnen in geschützten Wohnbereichen sind Sie Teil einer grösseren Familie. Jeder Einzelne von uns trägt zum aktuellen Stand der Lebensqualität der BewohnerInnen bei. In diesem Kontext sind Ihre Besuche wichtig; die kurzen Begegnungen mit den BewohnerInnen und den Pflegenden, die Zeit, die Sie mit Ihrem Angehörigen verbringen. Manchmal macht es Ihnen Sorgen, wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie von Ihrem Angehörigen erkannt werden. Die Sorge ist verständlich, aber glauben Sie mir: Die Zeit, die Aufmerksamkeit, die Zueignung, die Worte und nicht zu vergessen der Kaffee und der Kuchen sind für Ihren Angehörigen wertvoll!

Als Pflegender sehe ich darin ein wichtiger Teil des Care-Herzens. Wir Pflegenden blühen auf, wenn wir Sie in den Begegnungen mit unseren BewohnerInnen als (Be-)Suchende erleben. Viele von uns überlegen uns immer wieder, wie wir zusammen mit Ihnen den Wohnbereich so weiterentwickeln können, dass Ihnen dieses (Be-)Suchen leichter fällt.
Gemeinsam können wir die geschützten Wohnbereiche so weiterentwickeln, dass Ihre betroffenen Angehörigen bei uns wirklich Daheim sein können und Sie zu ihnen heimkommen (statt ins Heim kommen) und so ihr (Be-)Suchen in einem natürlichen Miteinander, zwischen BewohnerInnen, Ihnen und uns Pflegenden, mündet.

Dies wiederum gelingt, wenn wir und Sie immer wieder das Leben in den Mittelpunkt stellen

Vision

Das könnte so aussehen, dass ich Sie dabei ertappe, wie Sie den Kleiderschrank ihrer Mutter aufräumen oder wie Sie neben Ihrem Vater auch Herrn XY auf den Spaziergang mitnehmen oder dass wir gemeinsam eine Gesangsrunde gestalten. «Sie spielen Gitarre?» – «Stellen Sie sich vor, die Pflanzen auf dem Balkon überleben den Sommer nur dank Ihrem geschulten Blick für durstige Pflanzen» – so oder anders könnten die Reaktionen auf Ihr Engagement sein.

Ich weiss, dass es viel an gegenseitigem Vertrauen braucht, damit sich das in diese Richtung entwickeln kann. Sicher ist, dass die Lebensqualität in geschützten Wohnbereichen ständigen Schwankungen unterworfen ist. Sie steigt, wenn es gelingt, die Care-Seite der Pflege und Betreuung zu stärken. Dies wiederum gelingt, wenn wir und Sie immer wieder das Leben in den Mittelpunkt stellen. Darum brauchen wir einander! Sind Sie dabei?

Ich wünsche Ihnen von Herzen viele schöne und passende Begegnungen beim (Be-)Suchen Ihrer Angehörigen im geschützten Wohnbereich.

Mit bewegten Grüssen

Erich Weidmann
Fachliche Leitung eines geschützten Wohnbereichs

PS1: Ich habe Ihnen unterschlagen, dass wir als zusätzliche Ergänzung zum Stellenplan immer wieder motivierte Studierende und PraktikantInnen zu unserem Team zählen dürfen

PS2: Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben diesen Brief bis zu ende zu lesen.

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