Kennen Sie Schreibblockaden?

Mit diesem Beitrag suche ich Worte für meine persönlichen „Aha Erlebnisse“ in Bezug auf die Bedeutung des Schreibens – der „Schriftlichkeit“. Meine Erfahrungen und Entdeckungen irritieren Sie möglicherweise, anderseits können sie neue Perspektiven hervorbringen. Ihre Rückmeldungen auf diesen Beitrag können mich weiterbringen und mir helfen die Bedeutung von Schriftlichkeit tiefer oder breiter zu verstehen. Deshalb jede eine Einschätzung auf diesen Beitrag sind willkommen.

Kennen Sie das?

Sie sind an einer Weiterbildung. Der Kursleiter fordert Sie auf: „Bitte schreiben Sie Ihre Erkenntnisse auf, die Sie zum Thema entdeckt haben!“ Sie denken nach und begegnen tausend Gedanken in Ihrem Kopf. Sie beginnen mit einem Wort und langsam bildet sich ein Satz, den Sie aber im nächsten Augenblick verwerfen. Neue Worte, neue Sätze….
Mit einem Auge beobachten Sie die nette Kollegin neben Ihnen, die scheinbar daran ist, einen kleinen Roman auf die vorgedruckte Reflexionsseite zu schreiben. Ganz anders bei Ihnen: im Kopf ein Gedankenschneien und auf dem Blatt eine reine weisse Schicht. Kennen Sie das?

Worttanz

Worte sind Symbole für Erfahrungen. Welchen Stellenwert die Sprache für die Entwicklung von uns Menschen hat, aber auch wie unzuverlässig die Sprache ist. Die Worte und Sätze, die wir formulieren, begegnen sich, ein weiterführender Dialog entsteht. Die Bezugsrahmen, aus denen wir unsere Worte hervorbringen sind unterschiedlich somit für andere nicht „lesbar“ in meinem Sinn. In Äusserungen liegen die Chancen für die Entwicklung in Richtung Leichtigkeit und gleichzeitig auch in die Richtung von Spannung und Konflikt. Ich bin überzeugt, dass eine schriftliche Reflexion von Erfahrung und Erkenntnissen praktisch ist, weil sie hilft, den Blickpunkt auf die eigenen Fähigkeiten zu lenken. Mir wird immer klarer, wie der von aussen vorgegebene Bezugsrahmen mit den Kriterien RICHTIG und FALSCH meine Fähigkeit zu schreiben beeinflusst hat.

3×2 = ? 1 Heinz von Förster erzählt
Ich war bei einer befreundeten Familie zu Besuch, als ihr sechs Jahre alter Junge von der Schule nach Hause kam. Er war eine halbe Stunde zu spät und weinte: „Ich musste nachsitzen“. Die Mutter fragte: Warum weinst du, was ist passiert?“ Der Sohn erwidert: „Die Lehrerin sagte, ich hätte eine freche Antwort gegeben“. Die Mutter: Was hast Du gesagt?“ Der Sohn: Sie fragte mich was 3×2 ergibt, und ich sagte 2×3, und alle lachten. Daraufhin musste ich in die Ecke stehen.“ Nun mischte ich mich ein: “ich glaube deine Antwort war richtig, aber kannst du es beweisen?“ Sofort zeichnete der auf ein Stück Papier drei nebeneinanderstehende Reihen aus je zwei Punkten und sagte:“
Das ist 3 x 2, dann drehte er das Papier um 90 Grad  und sagte das ist 2x 3

Der Schüler hatte Pech. Von ihm wurde eine Antwort erwartet die RICHTIG war! Dies jedoch aus dem Blickwinkel und dem Bezugsrahmen der Lehrerin. Seiner Kreativität in Bezug auf die vermeintlich einfache Frage war innerhalb seines Bezugsrahmens RICHTIG ! Lassen Sie sich herausfordern und suchen Sie eigene richtige Antworten auf die Frage was gibt 2x 3=. Legen Sie Ihre Antworten vorsichtshalber sich selbst vor. 
1 KybernEthik Heinz von Foerster Merve Verlag Berlin S. 144

 

Eine Geschichte aus der Praxis
Ein Workshop-Leiter einer dreitägigen Fortbildung gestaltet eine praktische Anleitung. Eine Aktivität wird in zwei verschiedenen Möglichkeiten durchgespielt. Der Leiter hat zwei Varianten ausgewählt, bei der seiner Meinung nach ein signifikanter qualitativer Unterschied zu merken sei. Danach bittet er die Teilnehmer die Unterschiede in Stichworten aufzuschreiben. Nach einiger Zeit fragt er die Teilnehmenden, was ihre Beobachtungen seien. Frau H. meldet sich umgehend und sagt: „mir gingen beide Varianten auf eine Art leicht“. Ein Raunen geht durch den Raum- Verständnislosigkeit schwappt Frau H. entgegen. Scheinbar haben die Andern diese Aktivität anders erlebt….
Der Kursleiter nimmt die Antwort auf und stellt Rückfragen. Frau H. merkt. Dass sie scheinbar nicht RICHTIG gemerkt hat und sagt irgendwann leise „Aha“. Frau H. meldet sich danach nicht mehr freiwillig zu Wort.. Im weiteren Verlauf des Tages geht es in einer weiteren Übung darum, Erfahrungen in vorbereitete Raster einzufügen. Frau H. tut dies in ihren eigenen Worten. Welche anderen hätte sie dann zur Verfügung? Sie merkt schnell, dass andere viel mehr schreiben können. Bei der nachfolgenden Auswertung in Gruppen passiert es dann definitiv. Das Wort FALSCH, dieses kleine und moralisierende Wort verursacht bei Frau H. einem Vulkanausbruch. Niemand in Raum hat es ausgesprochen. Im Gegenteil: ihre Äusserungen wurden respektvoll angehört und mit Wohlwollen wurden Rückfragen gestellt oder Ergänzungen dazu gefügt. Nein das Wort FALSCH entstand in ihr drinnen, sie selber weiss nicht, was da vorgefallen ist. Waren es die Vergleiche mit den Worten der Kollegin, die besser tönenden Sätze der anderen, die Erlebnisse aus früheren Zeiten? Frau H. scheint sich danach eher zurückzuziehen. Von aussen zeigt sich dies in weniger Wortmeldungen und schnell beendeten Notizen.

Kein Blick ins Arbeitsheft von Anderen

Als Kinaesthetics-Trainer arbeite ich schon seit vielen Jahren tag täglich in diesem Spannungsfeld von erfahren, analysieren und dokumentieren. Für viele Teilnehmende, vor allem an Kinaesthetics-Grundkursen, ist dies eine wirkliche Herausforderung. Die Gründe sehe ich in unterschiedlichen Vorbildungen, anderen Muttersprachen und auch stark mit den eigenen Erlebnissen in Schulsystemen. In den vergangenen Jahren wurden die Kursunterlagen stetig weiterentwickelt. Unter anderem wurde vor der Theorie und Reflexions/Dokumentationsteil getrennt. Innerhalb des Dokumentationsteils beschreiben die Teilnehmenden ihre Erfahrungen und Erkenntnisse. Zu Beginn der Kurse gestalte ich jeweils eine kurze Einführung, wie ich die vorgegebene Struktur verstehe.

Ich betone dabei, dass
• es darum geht, den eigenen Lernprozess schriftlich mit zu „zeichnen“
• ich die Notizen nicht beurteile
• es keine Chance gebe, dafür irgendwelche Noten oder Preise zu bekommen

Gestalten

Ich stelle den TeilnehmerInnen Farbstifte zur Verfügung, um farbiges Dokumentieren zu ermöglichen. Danach überlasse ich die Arbeitsunterlagen  den Teilnehmenden. Seit mindestens einem Jahr habe ich keinen Blick in Arbeitshefte geworfen. Natürlich wäre ich manchmal neugierig, was die Kursteilnehmenden für sich notieren, trotzdem tue ich es nicht. Warum?

Ich schreibe weil du nicht schaust

Eine Kursteilnehmerin mit nicht deutscher Muttersprache, die während der Lernphase immer öfter Notizen machte und stehts im regen Austausch mit adern war, sagte zu mir in der Auswertung der Lernphase: „Ich schreibe weil du nicht schaust. Ich habe für mich entdeckt, dass ich einige Erfahrungen gut in deutscher Sprache aufschreiben konnte, andere Empfindungen habe ich in meiner Muttersprache aufgeschrieben. Das hätte ich nie gewagt, wenn das auch andere angesehen hätten.“ Die Kursteilnehmenden beschreiben und reflektieren ihre Erfahrungen, die sie im tun merken. Je ausgeprägtere Unterschiede im Vergleich zur bisherigen Erfahrungen entstehen, desto höher der Wunsch das erfahrene „einzufangen“ und in die Welt der eigenen Sprache zu „transportieren“. Kommentiert ein Aussenstehender die dazu gefundenen Worte, weicht man sofort von der Erfahrung ab und kommt auf die Schiene der Sprache und deren Bedeutung. Korrekturen auf der Sprachebene haben nichts mehr mit der Erkenntnis zu tun, die zu Beginn der gesuchten Worte und Sätze wichtig waren.

Entwicklung

Das was ich als korrekturwürdig betrachte, ist für den anderen keineswegs Falsch, sondern sein eigener, individueller Entwicklungsschritt. Das Fehlende im Tun entdecken und Möglichkeiten schaffen. Als Kursleiter habe ich die Möglichkeit, dass was mir als „Fehler“ erscheint, als ein für mich möglicher Einblick zu sehen. Das Fehlende liefert mir Anhaltspunkte zur weiten Gestaltung von Lernsituationen. Ich kann den TeilnehmerInnen helfen, ihre „Fehlerhaften“-Lösungen in einem anderen Kontext zu erfahren. Damit bekommen sie die Wahl einen neuen Unterschied zu beschreiben.  Wenn das Resultat nicht meinen Erwartungen entspricht, beginnt das kreative suchen.

Jean Piaget verbindet Verstehen mit Erfahrung durch handeln:

… „kein Wissen basiert allein auf Wahrnehmungen, da diese immer von Handlungsmustern geleitet und begleitet werden. Wissen geht deshalb aus Handlung hervor. (Schmidt 2003) Die Sprache erklärt demnach unsere Erfahrung. Gefordert ist in jedem Fall eine andere Gelassenheit, wenn sich Positionen und Auffassungen Wandeln. Man sollte -und das meine ich gar nicht in einem hohen moralischen Sinn – dazu stehen, dass sich eigene Ausdrucksweisen und die eigenen Bedürfnisse, Überzeugung und Erfahrungen ändern. Mir ist oft vorgeworfen worden, dass ich beständig meine Position wechsle, sie schlicht aufgebe oder ich in Widersprüche verwickle. Vielen gilt dies als verantwortungslos. Ich würde dagegen sagen: Wer stets dasselbe sagt und schreibt, der sollte sich ernsthafte Sorgen machen. Gerade der Wandel stellt ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein dar; er ist keine Schwäche, sondern er lässt sich als die lebendige Materialisierung des theoretischen Versuchs begreifen, in Prozesssystemen und Wirkungszusammenhängen zu denken. Ich erfahre auf diesem Weg meine eigene These, dass jedes System in Bewegung ist und dass jede Wirklichkeit dazu führt, dass das System um konditioniert wird, an mir selbst. Diese These wird –ironisch gesprochen- zu einer lebendigen Wahrheit. Schreiben und Sprache ist das was folgt. Entwicklung und Bildung basiert auf Erfahrung“.

Mich ermutigt dies meine Möglichkeiten auf der Erfahrungsebene zu entwickeln und so mit anderen Menschen in Bewegung zu kommen. So das erfahren zu einem entdecken und entwickeln von mehr Leichtigkeit führt. Leichtigkeit die im Alltag von Menschen wirksam werden kann, wenn sie wiederum für Erfahrungen anderer Menschen sorgen.

Erich  Weidmann 

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