Demenz und Heimgehen

ist ein oft beobachtetes Phänomen von Demenzbetroffenen.  Hans und seine Familie war in Bezug auf dieses Thema einer meiner Lehrer! Die Begegnungen damals halfen mir «Heimgehen und Demenz» mit vielen neuen Perspektiven beleuchten und zu verstehen. Sein intensives Verhalten liess buchstäblich niemand kalt. Als ich die folgende Geschichte aufschrieb war ich voller Emotionen und mittendrin; mit und für Hans ein Daheim zu gestalten, an einem für ihn zunächst fremden Ort ankommen führt dazu das «Heimgehen» nicht im Vordergrund steht. Damals war ich als Bereichsleitung zuständig für die Bettenbelegung ( verrücktes Wort). Die belastende Situation brachten mich dazu Hans zunächst auf einem offenen  Pflegebereich zu empfangen. Dies aber nur, weil unsere Pflegeplätze im geschützten Bereich damals schon überbelegt waren. Was Hans danach erlebt hat, schreibe ich noch heute zu einem grossen Teil meinen unpassenden Entscheidungen zu.

Erich Weidmann, Dezember 2022

Gefangen in Normen, eine wahre Geschichte über Ankommen und Daheim sein

Schalk und immer zu einem Spass aufgelegt

Eigentlich war das Leben ja herrlich, seit der Pensionierung hatte Hans  tun und lassen können, was er wollte, aufstehen wann er wollte, fortgehen und heimkommen wann er wollte. Einfach frei sein….

Beruf

Als Maurerpolier arbeitete Hans mit Begeisterung und Freude jeden Tag draussen an der frischen Luft. Heisse Tage wechselten sich mit nassen und kalten, Jahr für Jahr. Sein Körper hat bis zum letzten Tag durchgehalten. Hans war beliebt, auch bei den vielen fremdsprachigen Menschen, die er im Laufe der Zeit kennen gelernt hatte liebten sein ehrliches, direktes und mit Schalk gefülltes Auftreten. Immer war er zu einem Spass aufgelegt.

In  Erlebnissen schwelgen

Heimgehen ist Familie

Hans hat mit seiner Frau zusammen ein schönes Zuhause gebaut für die ganze Familie. Er fühlte sich wohl, wenn er auf seinem Sitzplatz die Ruhe geniessen konnte. In der Freizeit, die er jetzt zur Verfügung hatte, sah man ihn spazieren und gerne setze er sich zu den Menschen aus dem Dorf. Bei einem Bier in der Pinte schwelgte er sich in seinen Erlebnissen, aber auch in seinen Träumen und Wünschen.

Im Pyjama und das mitten im Winter in der Pinte

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Demenz

Man weiss nicht mehr genau, wie es dann angefangen hatte, es war schon spürbar, dass etwas nicht stimmte, aber als er dann eines Tages in die Pinte kam in Hausschuhen und Pyjama und das mitten im Winter ,war allen klar, der Hans ist krank.

Alzheimerdemenz
Schnell und Schneller veränderte Hans sein Verhalten. Laufen manchmal fast bis zum geht nicht mehr! Seine Frau und die Kinder waren durch den grossen Bewegungsdrang, den Hans in sich hatte, mehr und mehr gefordert.
Hans lebte in seiner Welt, eine Welt zwischen gestern, heute und morgen. Die Familie, die Kollegen versuchten immer wieder neu, zu verstehen und zu begreifen. Warum Hans? Wohin Hans? Diese Fragen lösten bei Hans immer neue Reisen aus denen alle hilflos ausgesetzt waren.
Wie wenn die schwere Krankheit nicht genug wäre, kam eine weitere dunkle Wolke über die Familie. Krebs! Eine vermeintliche besiegte Krebskrankheit der Ehefrau schlug wieder zu, heftig und böse.
Warum ? Wie soll das weiter gehen?
Da stand die Familie, Hans mit einem gesunden Körper und einem kranken Geist, seine Frau körperlich am Ende mit der ganzen Last der Verantwortung. Es war absehbar, für Hans musste ein geeigneter Pflegeplatz gefunden werden, so lernte ich die Familie kennen. Das Los, das von Hans und seiner Familie zu tragen war, wiegte schwer und kostete die Familie viel Kraft.

Da gibt’s nur eins HEIMGEHEN

Ein Tritt? oder ein Weg

So trat Hans in die Institution ein, weg von seiner geliebten Frau, seinem zu Hause, weg von seinem Dorf, seinen Kollegen.Wie sollte der körperlich gesunde, freiheitsliebende Hans das verstehen? Wie soll er verstehen, wenn genau der Bereich des Verstehens von dieser Krankheit betroffen ist?
Wie soll Hans verstehen, dass er jetzt aufstehen sollte, dass er jetzt zum essen sollte, dass er jetzt………………?
Nein Hans verstand nicht, da gibt’s nur eins HEIMGEHEN, dorthin wo er versteht und verstanden wird.
So sah man Hans in der Pflegestation unruhig umhergehen, vielleicht sogar umherirren.

Wir sorgten uns um Hans!

Pflege

Wir sorgten uns um Hans!
Was ist wenn er wirklich geht?
Wenn ihm etwas zustösst?
Wenn er sich verirrt?
Wenn er fällt?

Hans

Hans hatte andere brennende Fragen.
Wo bin ich?
Wann gehen wir?

Pflege

Was sollen wir antworten?
Lügen?
Wahr sein?
Hilflosigkeit löste unsere pflegerische Sicherheit auf.

Die Anforderungen, konnte er schlicht nicht verstehen!

Beziehung

Mehr und mehr litt die Beziehung zwischen Pflegenden, Mitbewohnern und Hans. Bei Hans zeigte sich dies in einem unentwegten Suchen, dass ihn durch alle Zimmer der Station führte. Aggressive Wortwechsel mit Mitbewohnern und Pflegenden waren mehr und mehr die Folge.
Für Hans waren die unschönen Szenen nur Bestätigung. Das ist nicht sein Zuhause und darum wollte er nach Hause. Die Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, konnte er schlicht nicht verstehen und begreifen. Er der sein Leben lang mit Menschen aus vielen Kulturen zusammen war.
Normen und Zwänge einer Gesellschaft können für demente Menschen zu undurchdringlichen Mauern werden, zu eigentlichen Gefängnissen, die förmlich nach Ausbruch schreien!

Normen und Zwänge einer Gesellschaft können für demente Menschen zu undurchdringlichen Mauern werden, zu eigentlichen Gefängnissen, die förmlich nach Ausbruch schreien!

demenz und heimgehen gefangen in Normen

Hans geht es gut, obwohl er «eingeschlossen» ist

Hans schaffte den Ausbruch! In den geschützten Wohnbereich

Hans schaffte den Ausbruch. Nach dem er einer Betreuerin alles nachgeworfen hatte, was zur Verfügung stand wurde er «Entlassen»
Hans zügelte auf den Geschützten Wohnbereich! Hans geht es gut, obwohl er «eingeschlossen» ist. Nicht, dass er immer fröhlich ist, nein Traurigkeit, Wut, Ärger begleiten Hans genauso wie seine Fröhlichkeit und seinen Schalk.
Doch er spürt, wie er akzeptiert wird mit seinen Einschränkungen, wie er in seiner Welt leben darf, eine Welt die sich aus dem Gestern, dem Jetzt und vielleicht auch dem Morgen zusammensetzt.
Hans lebt in seinen eignen Normen. Die Betreuenden haben sich auf ihn eingelassen. Eingelassen auf seine Welt. Betreuer, die bereit sind den Teil des «nicht verstehens» zu tragen, die neuen Normen von Hans zu akzeptieren, sein tun zu respektieren und ihn in seiner schweren Krankheit zu begleiten, dass ist der Grund, dass Hans seine Seele in Freiheit weiss, trotz geschlossenen Türen.

Dass Hans tief in der Seele trotz Krankheit Freiheit spürt

Fragen die bleiben

Vor meinem inneren Auge ziehen Bilder vorbei, die Fragen aufwerfen:
Warum habe ich damals an den Verstand appelliert als er Heimgehen wollte?
Warum habe ich Hans angelogen und gesagt, «später kannst du gehen»?
Warum war ich so zerrissen und wütig auf die «katastrophale Fehlplazierung «?
Warum habe ich nicht reagiert, als ich sah, wie ein Mitbewohner Hans den Vogel zeigte?
Warum habe ich den Mitbewohnern nicht erklärt, was die Probleme eines Alzheimerkranken Menschen sind, als sie mit dem Finger auf ihn zeigten?
Warum sträubte sich mein inneres, mich auf seine Welt einzulassen?

Ich möchte mich mutig mit Menschen auseinandersetzten, die mich in meinen Normen hinterfragen. Ich möchte meine Achtung darauf legen, was ich zu tun haben dass Menschen wie Hans tief in der Seele trotz Krankheit eine Freiheit spüren.
Hans dein Schalk und dein Leben ermutigen mich dazu. Danke!

Erich Weidmann, im Herbst 1996

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