«Gehtraining hilft nicht immer! Alltagsaktivitäten beinhalten sicheres gehen!»

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Gehtraining

«Meine Schwiegermutter lebt seit drei Monaten in einem Alters- und Pflegeheim. Nun ist uns aufgefallen, dass sie vermehrt mit dem Rollstuhl in den Speisesaal gebracht wird. Wir wünschen uns aber, dass sie diese Strecke läuft. Das wäre doch ein wichtiges Training! Was meinen Sie dazu?»

Freundliche Grüsse     E. K.

Guten Tag Frau K.

Eines vorweg: Sollten Sie vermuten, dass sich hinter diesen Handlungen des Pflegepersonals pures Zeitsparen verbirgt, sorgen Sie sich zu Recht. Hinter dem Verhalten der Pflege stehen aber möglicherweise auch andere Überlegungen, die Sie wohl am besten in einem direkten Gespräch ermitteln können.

Vielleicht irritiere ich Sie im ersten Moment mit meiner Sicht auf dieses Gehtraining, wie es in der Pflege oft genannt wird. Dazu muss ich Ihnen von Beobachtungen berichten, die sozusagen im Gegensatz zu Ihrer Irritation stehen. Diese betreffen BewohnerInnen, die regelmässig eine bestimmte Strecke als Gehtraining zurücklegen dürfen oder müssen. Dabei – so bin ich mir sicher – kann eben oft auch ein Gefühl der Angst und Sorge anstelle der Zuversicht, wieder besser laufen zu können, entstehen. Sie gehen sicher mit mir einig, dass es sich deshalb lohnt, die Frage des Trainings grundsätzlich anzugehen.

Vielfalt

Folgende Beobachtung ist meiner Meinung nach wichtig und trifft vielleicht auch für Ihre Schwiegermutter zu. Menschen, die Pflege brauchen, haben oft schon Schwierigkeiten damit, sicher aufzustehen und sich hinzusetzen. Auch Drehbewegungen, zum Beispiel sich vom Rollator wegdrehen, um sich auf einen Stuhl zu setzen, und der gleiche Weg zurück, sind häufig herausfordernder als Laufen. Genau diese Bewegungen sind jedoch für die Selbstständigkeit wesentlicher als die Distanz, die der Betroffene laufen kann. Ich plädiere darum vielleicht auch in Bezug auf das Wohlbefinden ihrer Schwiegermutter dafür, dass das Pflegepersonal den BewohnerInnen in sogenannten Gehrtrainings primär Angebote macht, in denen alltägliche Aktivitäten so gestaltet werden können, dass sie zu weniger Abhängigkeit führen. In einem gemeinsamen Lernprozess kann man zusammen nach Wegen suchen, wie eine Aktivität möglichst vielfältig gestaltet werden kann, damit die Selbstständigkeit der BewohnerInnen so weit als möglich erhalten bleibt. Dieses gemeinsame Suchen nach neuen Möglichkeiten bei unterschiedlichen alltäglichen Aktivitäten, zum Beispiel beim Aufstehen, Absitzen, Abliegen, Abdrehen und so weiter, beinhaltet viele wichtige Bewegungskompetenzen, die auch beim Laufen grundlegend sind.

Analyse

Wenn Sie mich also fragen, ob es nicht richtig wäre, mit Ihrer Schwiegermutter täglich zum Speisesaal zu laufen, so frage ich zurück: Wie sicher kann sie die oben beschriebenen Aktivitäten ausführen? Möglicherweise würde ich Ihnen danach empfehlen, diese als mindestens ebenso wichtig einzuschätzen und mit ihr zu trainieren.

Lernen und entdecken

Ich verwende dabei den Begriff «Training» in einer ganz spezifischen Bedeutung. Ich tue dies aus der Erfahrung heraus, dass betagte Menschen, die sich in ihrer Bewegung als selbstwirksam erfahren, gerne Neues lernen und es schätzen, wenn die Begegnungen innerhalb hierfür angepasster Umgebungen als gemeinsames Lernen und Entdecken gestaltet werden. Dann handelt es sich eben nicht mehr um ein mühseliges, oft mit Angst verbundenes Üben gewisser Aktivitäten, sondern um ein produktives und vor allem auch freundvolles Trainieren und Entdecken von Bewegungsmöglichkeiten.

Ich wünsche Ihrer Schwiegermutter Pflegende, die Lernumgebungen gestalten und sich hoffentlich mit ihr und Ihnen über jede Entdeckung und Veränderung freuen können.

Erich Weidmann

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